Erinnerung an Andrea Jürgens

Die Schlagersängerin Andrea Jürgens ist verstorben.
Ich hatte eine Mitschülerin, die mir in Erinnerung geblieben ist, weil sie deren Hit „Japanese Boy“ perfekt imitieren konnte. In quietschbunten Leichtathletik-Leggins stand sie vor der Klasse und sang, die großgemusterte Inbrunst in Person, „Oh mein Japanese Boy/ Weine nicht, mein Japanese Boy!“ – Ich war ganz entrückt, obwohl – oder weil – völlig klar war: der Junge war entsetzlich einsam (das kannte ich) und nichts, nicht einmal Andreas Mitgefühl im Körper meiner Mitschülerin, würde ihm helfen können – das kannte ich auch.
Später wollte die Mitschülerin mich vor Satan retten, der nach ihrer festen Überzeugung aus den Platten von Iron Maiden und Ozzy Osbourne zu mir sprach, die ich nämlich rauf und runter hörte (bis heute gibt es regelmäßige „Somewhere in Time“ -Phasen im Auto und „Crazy Train“ mit Randy Rhoads zu Hause). Ich bekam leidenschaftlich flehende Apelle zugesteckt, umzukehren auf den rechten Weg, während mich dieses obskure Interesse an mir zunehmend irritierte. Warum ich? Diese Apelle wirkten höchst befremdend. Sie war für mich einfach und für immer nur die Stimme von Andrea Jürgens – und als ich der entwachsen war, hörte ich ihr halt auch nicht mehr zu. Jahre später traf ich die Mitschülerin noch einmal, und da schämte sie sich ein wenig für ihren missionarischen Eifer von einst: „Ich war ganz schön bescheuert damals“ „Ich weiß.“ „Aber ich habe mir wirklich Sorgen um Dich gemacht!“ – Das war freundlich. Doch vor allem mit ihrem Gesang hat sie mir etwas gegeben und der „Japanese Boy“ sichert ihr ein Plätzchen in meinem Herzen. So, wie der echten Andrea.