Feind-selig

Spiegel Online, The Guardian und die BBC melden, dass in London eine junge Frau mit Asperger-Syndrom während einer Kinovorstellung wegen ihres Lachens vom Personal genötigt wurde, das Kino zu verlassen. Es hatte sich offenbar jemand über ihr Lachen beschwert. Nachdem das Geschehen öffentliche Kreise zog, sah sich der Kinobetreiber letztlich zu einer Entschuldigung genötigt.
Die Situation, wie sie von Anwesenden beschrieben wird, die der Umgang mit der Frau sprachlos bis wütend gemacht hat, wirft  ein bezeichnendes Licht auf einen gesellschaftlichen Alltag, in dem Feindseligkeit eine bedeutende Form von „Seligkeit“ darstellt und dementsprechend ausgelebt wird. Die Meldung erinnerte mich an einen Artikel, der vor wenigen Tagen auf zeit.de erschienen war: Die Ablehnung und Aggression, denen sich eine junge Frau ausgesetzt sieht, deren Lachen, wie sie schreibt, lauter ist als „der bundesdeutsche Durchschnitt“. Sie beschreibt in ihrem Artikel die Selbstverständlichkeit, mit der sich ihre Mitmenschen herausnehmen, sie zu maßregeln.
Ganz offensichtlich ist die junge Frau in dem Londoner Kino ebenfalls über die Grenzen des ihr zugestandenen  Ausdrucks ihrer Empfindungen in der Öffentlichkeit geraten und wurde mit dem Ziel angegriffen, umgehend aus der sozialen Gruppe „Kinopublikum“ entfernt zu werden.

Die junge Frau, geriet so in die beschämende Lage, sich für ihr Lachen rechtfertigen zu müssen und verwies darauf, autistisch zu sein – allein, es half ihr nicht: sie wurde zum Verlassen der Kinos genötigt und der nächstniedrigere Level, Behinderten-Bashing, wurde von ihren Gegnern umgehend erreicht: „You’re retarded!“ – „Du bist zurückgeblieben!“ plus Applaus.

Die junge Frau hat im Nachhinein und seitens einer breiteren Öffentlichkeit viel Solidarität und Unterstützung erfahren. Das ist tröstlich. Für die Öffentlichkeit steht dabei vor allem die Diagnose „Autismus“ im Vordergrund.
Einer der ebenfalls Anwesenden beschrieb das Lachen der jungen Frau allerdings als der jeweiligen Filmsituation durchaus angemessen. Eindeutig inakzeptabel scheint es demnach nicht gewesen zu sein: sie hatte keinen Action-Reißer der Lächerlichkeit preisgegeben oder das Mitleiden dramatischer Szenen verhindert.
Sie schien also einfach eine junge Frau zu sein, die sich nicht verhielt, „wie es sich gehört“. Und die naheliegendste Reaktion für einige Mitmenschen war offenbar: unter allen Umständen unaufhaltbare Aggression.