Offener Brief an einen Schüler

Lieber Gymnasiumsschüler,

es geht um Noten, Schulnoten; um die eine Abiturdurchschnittsnote, die Dich dazu hinreissen liess, eine gute Note im Fach Kunst zu reklamieren. Denn, Du seist ja immer anwesend gewesen und leeres, weisses Papier habest du gefüllt, womit auch immer, immerhin, obwohl ich Lehrer keine Anweisung für jeglichen klitzekleinen Arbeitsschritt gab. Keine Vorschrift zu Form und Inhalt gegeben habe.
Ich gestehe: abhakbare Vorgaben habe ich verweigert.
Das tat ich, weil Dir jede Anstrengung des Selberdenkenmüssens zu gross und die Erwartung von Anweisung – nicht: Unterweisung – Dir absolut gewesen ist.
Deine Haltung entspricht der inzwischen allfälligen Forderung, durch vorgegebene Arbeitsschritte Stück für Stück zum Bilderglück zu kommen, dieser verschärften Form des Malens nach Zahlen.
Lehrer, Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten und Onkels, alle haben ihre Freude an den Ergebnissen dieser Art Kunstunterricht: „Kunsterzieherfische“.
Gleich, vergleichbar und kalkulierbar, auch die dafür vergebenen Noten: bei Einhaltung der Regeln mindestens gut.
Dem entziehe ich mich, weil mir Beruf und Fach zu kostbar sind, um sie den Säuen der Didaktisierung zu opfern.
So weit, so gut.
Ruhiger und sachlicher will ich Dir erklären, was mir den Kamm schwellen lässt.

Als Kind schaute ich meinem Handwerkervater auf die Finger und ahmte nach. In der Zwergschule gelang mir das Abpausen von Tieren und wurde zum Geschäft: die Lehrer liessen sich täuschen, weil sie von Bildern nichts wussten und gaben gute Noten. Darüber kam ich zum Selberzeichnen. Mein Kunstlehrer im Gymnasium – übrigens kein Lehrer von Beruf; er war Graphiker – sah, was ich tat, und liess mich machen. Er regte an und strafte meine Faulheit mit schlechten Noten, weil er wusste, dass man selbst an der Begabung arbeiten muss.
Er förderte, weil er unerbittlich forderte selber zu machen.
Ich lernte diese Lektion, dankbar.

Studium der Kunst, frühe Vaterschaft zwingt mich in den Brotberuf: Lehrer, Kunstlehrer.
Diese Arbeit fiel sehr schwer, denn mit Kunst hat sie fast nichts zu tun. Viel mit Regeln und Ordnungen, die „Schritt-für-Schritt“-Arbeit vorschreibt und das Eigene, den Eigensinn verdammt.
Doch lässt sich Eigensinn nicht mit Lehrplänen verbieten, und so lernte ich von den Schülern, die Phantasie bewahrten, zu sehen, was der professionelle Blick ausblendet. Damit bin ich bei Dir.

Dein Blick auf das Fach Kunst ist geprägt durch das Bestreben, dass Kunst als Schulfach sein sollte wie jedes andere: didkatische Gleichschaltung, Kanonisierung und Überprüfbarkeit. Kompetenzen sollen vermittelt werden als Weichspüler, Richtliniengemäss.
Doch Kunst ist mit bezifferter Notengebung schlicht inkompatibel, denn da greifen Kriterien der härtesten Art. Denen hält keine Form von Didaktik stand, soweit man die Kunst ernst nimmt.
Doch bist Du nicht allein mit Deiner Forderung nach Leichtigkeit der Beurteilung. Die gute Note für angepasstes Tun ist, was im öffentlichen Umgang mit Kunst die Forderung nach Konsum-gerechten Kunsthäppchen ist.
Es herrscht: „Übrigens male ich auch“, so Eltern.
Leicht verständlich, mittelmässig und gleichgeschaltet, somit überprüfbar soll die Kunst sein.
Eben solche Noten, bitte, auch. Denn: wozu auch da noch, bei der Kunst, anstrengen?
Bloss nicht aus der Mitte ragen! Das ist auch den Bürokraten der Schulverwaltung und Richtlinienkommissionen oberste Maxime geworden: haltet euch an das Schafsmass der Herde!
Es wird nicht mehr gewählt und gelernt schon gar nicht!
Man simuliert beides.
Zeugnisse, Abiture und Noten: geordert und akzeptiert.
Das gilt auch für Lehrpläne: man wird gelernt, gleichmässig, immer bloss in der Mitte.

Dannn feiert man vor dem Abitur. Feiert? Es ist Saufen und Vandalismus, Verkleidung…! Vor dem Zeugnis, weil nachher nichts mehr zu spüren ist von Leben und Eigensinn.
Denn hat man das Zeugnis mit der guten Note in Händen, ist da letztendlich nur ein Papier mit Ziffern, Noten.
Und diese Noten sind nicht einmal spielbar als Musik, die man hören kann. Da ist dann auch die Note in Kunst bloss Ziffer, unspürbar.
So wenig spürbar für mich Kunstlehrer, wie Anwesenheit im Kunstunterricht ohne Äusserung oder Papierbekritzeln. Das ist nicht zu bepunkten und „gut“ zu benoten.

Mein alter Lehrer, mein Förderer, hat solche Einstellung als Faulheit erkannt und in guter, alter Schulart mit einer schlechten Note belegt. Von diesem Mann habe ich gelernt, nicht von Lehrplänen und Bürokraten.
In diesem Sinne: ein erfolgreiches Leben, mittig.

Wohlwollend