Im August 2014 teilte Richard Dawkins einer Frau (auf deren Anfrage) via Twitter mit, es sei unmoralisch (immoral), einen Trisomie-21-Fötus auszutragen. „Abort it and try again“ war sein pragmatischer Rat – und er handelte sich massive Anfeindungen damit ein. Er sah sich deshalb dazu veranlasst, erneut Stellung zu nehmen – mit dem Hinweis darauf, dass die 140 Twitterzeichen natürlich gar nicht ausreichten, unmissverständlich deutlich zu machen, was er eigentlich hätte sagen wollen, „given more than 140 characters“.
Was er getwittert hätte, wenn… – ist hier nachzulesen.
Kern meines Artikels soll aber weniger die Haltung von Richard Dawkins selbst sein – sie ist ja gut zu erkennen. Interessanter als diese sind die feindseligen Reaktionen, mit denen er überschwemmt worden ist. (Zwei Gruppen, die eine grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbrüche und die andere grundsätzlich gegen Ratschläge von Männern an Frauen, sind – weil fundamentalistisch – hier außen vor gelassen.)
Zusammengefasst unterstellt man ihm im Übrigen, er plädiere für Eugenik (inklusive Hitler-Vergleich) und wisse wohl nicht, wie liebenswert Menschen mit Down-Syndrom seien. Er hat sich mit seiner ungenierten Empfehlung (abort it!) demnach in die Nazi-Schublade gesetzt und noch das Bärtchen (immoral!) selbst angeklebt.
Die Argumentation ist leicht nachvollziehbar: Der „Aktion T4“ im Dritten Reich fielen systematisch Behinderte zum Opfer. Ein Runderlass vom 18.8.1939, betraf die „Meldepflicht für mißgestaltete usw. Neugeborene” „zur Klärung wissenschaftlicher Fragen auf dem Gebiete der angeborenen Mißbildung und der geistigen Unterentwicklung”. Auf Rang 1 der forschen(den) Aufmerksamkeit: von „Idiotie sowie Mongolismus” (d.i.Trisomie-21) Betroffene. Das, nebenbei, hatte auch bei mir assoziatives Entsetzen angesichts von Dawkins‘ Tweet ausgelöst. Die Stigmatisierung, die seine Gegner mit den polemischen Nazi-/ und Eugenik-Vergleichen anstreben, ist dennoch falsch, weil sie sich im Blick auf das Spektakuläre erschöpft.
In der Gegenwart werden offenbar 9 von 10 Schwangerschaften abgebrochen, wenn die Diagnose „Trisomie-21“ gestellt wird – und Dawkins verteidigt sich damit: diese seien doch Entscheidungen der Mehrheit – und dadurch Normalität. Im Grunde die schönste Synthese von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Demokratie, alles auch noch für eine Welt mit mehr happiness. Als Kerl, der er ist, kann er leider nicht erkennen, dass es keine objektive Entscheidungsfreiheit gibt – und auch kein objektives „Normal“. Es ist im Gegenteil, jedes „Normal“ nur eine Frage der Gewöhnung. Realität ist: die ethischen Konsequenzen pränataler Diagnostik werden nicht in gynäkologischen Praxen verhandelt. Die Diagnostik ist der medizinische Standard – sie zu verweigern, mindestens auffällig. Die gynäkologische Praxis ist auch kein Ort, der sich für ethische Debatten eignet. Sie ist ein Ort des isolierten Individuums, in diesem Fall des weiblichen. Und ein einzelnes Individuum kann – entgegen anderslautender Behauptungen – gar keine freie Entscheidung treffen, nur eine einsame. Es lebt immer in einer Gesellschaft, in der es bestehen muss, dafür muss es sorgen. Und Solidarität ist in dieser Gesellschaft denen vorbehalten, die sich dem Standard beugen: Gesundheit ist anzustreben, gleichgesetzt mit dem „increase of happiness“ und dem Vermeiden von Leid. Alles andere? „Das muss doch heute nicht mehr sein“. Dawkins – das muss man ihm eigentlich zugutehalten – vebrämt seine Haltung wenigstens nicht mit einem pseudo-philanthropen „das muss doch nicht sein“. Er twitterte klar: es ist „unmoralisch“. Im Hinblick auf die gesellschaftlich übliche Nötigung zum gesunden Leben ist das eine nachvollziehbare Wertung. Die Konsequenzen, die das zwanghafte Gesundheitsstreben für die gesellschaftliche Struktur, Entwicklung und Atmosphäre hat, müssen dementsprechend Thema sein – und zwar unabhängig vom persönlichen Einzelschicksal, für das sich natürlich jeder vernünftige Mensch Gesundheit und einen stetigen „increase of happiness“ wünscht.
Wenn 9 von 10 Frauen sich dagegen entscheiden, ein Trisomie-21-Kind zur Welt zu bringen, entscheiden sie das im Rahmen ihrer Gesellschaft. Der Freiheitsbegriff dieser Gesellschaft ist allerdings paradox: Auf der einen Seite ist die Einzelentscheidung, die als „frei” bezeichnet wird, das Ideal. Gleichzeitig soll aber die gesellschaftliche Norm auf Basis „wissenschaftlicher Erkenntnis” als Maßgabe dieser Einzelentscheidung durchgesetzt werden. Und deshalb ist es möglich, zehntausende, hunderttausende – wie viele auch immer- stille Entscheidungen nicht auch als Resultat gesellschaftlichen Drucks zu erkennen. Das muss doch heute nicht mehr sein. Es ist diese isolierte Betrachtungsweise, die gesellschaftliche, mitunter selbst familiäre Solidarität zerstört: Nur, wer bestimmte Kriterien erfüllt, darf dem Bund der Freien angehören und sein individuelles Glück vergrößern. Die anderen sind selber schuld.
Diese versuchen dann, damit zu punkten, dass sie sie lieben und wie liebenswert sie auch sind, die behinderten Angehörigen. Damit laufen sie leider auch in die Effizienz- und Nützlichkeitsfalle der vermeintlichen „objektiven Erkenntnis”: wer sonst schon nichts beitragen kann, bereichere uns wenigstens noch emotional.
Indem seine Gegner Dawkins ganz persönlich beschimpfen, versuchen sie, seine Haltung aus diesem gesellschaftlichen Kontext zu lösen, in den er aber – da hat er recht – gehört. Was an dem ganzen Sachverhalt eindrucksvoll belegt wird, ist nicht, dass Richard Dawkins etwa ein Nazi ist. Der Abgrund liegt darunter: Die Nazis standen bereits in einer Tradition. Sie haben mit der von Effizienz motivierten Menschheitsoptimierung eine gesellschaftliche Strömung aufgegriffen, konsequent umgesetzt und gnadenlos offenbart, welcher Kern letztendlich darin steckt.
Empfehlenswert zum Thema:
- Aly, Götz: Die Belasteten. S.Fischer, 2013
- Kinast, Andreas: „Das Kind ist nicht abrichtfähig…“. sh verlag, 2010