Vermächtnis

35 Jahre Kunsterzieher angefragt, Vermächtnis, aus welchem Grund, wozu?!

Dieser Beruf war mir in den ersten Jahren verhasst. Notwendig, um eine Familie zu ernähren. Träume von freiem Schaffen begraben und sich mit Gymnasiasten herumschlagen, deren Interessen allem, nur der Kunst nicht galten.
Und dann? Es gab sie, die talentierten jungen Leute, und die ganz wenigen, richtig begabten Menschen. Die sind heute in der Kunst als Beruf freischaffend tätig. Ich durfte sie ausbilden als Lehrer. Und von da wurde der verhasste Beruf des gymnasialen Kunstlehrers von Erfüllung begleitet. Über den professionellen Tellerrand des Kunstvermittlers lernte ich zu sehen. Im Wortsinn: sehen lernte ich durch die unverstellten Blicke meiner Schüler. Das hat mich 35 Jahre lang durchhalten lassen bis heute.
Durchhalten auch, besonders gegen künstlerisch unterbelichtete Vorgesetzte, die mit Richtlinien das, was Kunst ist, zu domestizieren suchten, vergeblich. Gegen dieses absurde Bestreben sich stellen in 35 Lehrerjahren kostete viel Kraft und deshalb gehe ich heute enttäuscht und resigniert in den Ruhestand. Übrigens auch, weil die Ausbildung zum Kunstlehrer heute von obigen Leuten aus den Kunsthochschulen an die Universitäten verlagert wurde, was zu einer entsetzlichen Banalisierung von Ausbildung und Fachinhalten führte. Es ist manchmal gar nötig, derartigen Absolventen erklären zu müssen, dass der malende Teil des Pinsels der ist, der mit Haaren besetzt ist. Doch für diesen Fall gibt es die Richtlinien in Kompetenzen.

Das Fach Kunst ist verkommen zur Dekorationenlieferung. Der gute, alte Kunsterzieherfisch, er ist Standard geworden hinter gewundenen methodisch-didaktischen Wortornamenten, und Kompetenzenkaskaden, die nichts bewirken, es sei denn sie erodieren alles, was zur Kunst gehört. Allenfalls an den Rändern erscheinen im besten Fall Erosionsspuren, die möglicherweise Kunst sind.
Zorn und Wut ist, was mich treibt, so zu schreiben. Auch „guter Wille“ in oberen Etagen (Fachdezernenten, Fachleiter) erweist sich in diesem Erdrutschfeld bloß als lästig schweres Gestein. Die allgemeine Erosion erfasst und beseitigt auch das.
„mainstream“; hier kommt dieses Wort zu seinem Sinn!
Soweit der Prolog.

1. mainstream: übersetzen muss man dies Wort nicht mehr. Heute ist es vom Wort zum Begriff mutiert, den ein jeglicher versteht: „Alles ist gleich!“; Triumph der demokratischen Empfindung.
So wie in allem Unterricht, wird auch der Kunstunterricht diesem Konformitätsdruck unterstellt.
Und das sehr erfolgreich, auch weil die Konkurrenz der Volkshochschulen, Malschulen, „Akademie“ genannt, und andere Erzeugnisse der Kreativitätsindustrie drängeln. Kunst treiben ist wie Sport treiben und dient der Selbstoptimierung auf gehobener kultureller Ebene.
„Übrigens, ich male auch“ war, was ich an Elternsprechtagen anstelle einer Begrüßung („Guten Tag“ etwa) immer häufiger zu hören bekam. Mit anderen Worten: „Erzählen Sie mir nichts, ich kann auch!“ Da, spätestens, wagt man kaum noch eine schlechte Benotung, denn derartige Eltern „wissen“ ja.
Es gibt auch – im Gehalt gleich, im Anspruch gehoben – die Frage nach der „künstlerischen Hochbegabung“ der Teenagerkinder. „Tja, kommen Sie mit dieser Frage in zwanzig bis dreißig Jahren nochmal zu mir.“ Ende jeglicher Diskussion.

Begabung ist soviel Gnade wie Bürde und zeigt sich erst im Verlauf vieler Jahre, denn aushalten muss man Begabung. Doch getrost malt man weiter und der Kunstlehrer ist ein alter, arroganter Kerl.
Dass Richtlinien für Kunst – in sich eine Absurdität – auch dergleichen Elternwunsch und -wille nachkommen, macht Kunstunterricht, ernstgenommenen, zur Arbeit des Sysiphos; besser: zur Farce.
Das Ernst-nehmen, und gar Lieben der Kunst wird, als störend erachtet, eliminert. Gleichförmigkeit ist gefragt, nicht kritische Wahrhaftigkeit.
Gut, Schule, ein Gymnasium zumal, ist nicht der Ort, ein so wenig zu fassendes Ding, wie Kunst, Bildende zumal – die anderen, Literatur, Theater, Musik auch – griffig zu vermitteln. Es ist ein Ort, der von allem, was Kunst ist, einen Hauch vermitteln soll, damit man/ wer auch immer später im Leben, die Orte auf-/ ausgesuchter Künste in Listen wie: „Da war und muss man auch gewesen sein“ zu fassen und zu posten vermag, damit der Odem des Gebildeten dem stylischen Outfit die letzte Wucht verleiht: „Seht her, ich bin gebildet.“ Dabei verläuft sich solches Klientel in der „Galeria Umberto“ in Mailand auf der Suche nach den angesagten Labels. Die sind Seitengassen um den Dom herum; sorry. Was, schlimm genug, die Zeit stiehlt, um Leonardos Abendmahl zu besuchen.
Ich kenne die Schlangen kultureller Großereignisse und -orte. Müßig anzustehen. Es ist der wenig spektakuläre Geruch enger Gassen und abgelegener Straßen, wo die große Kunst, die wirklich sehenswerte sich verbirgt. Orte, an denen Familien den bildsüchtigen Opa regelmäßig von seinem Lieblingsbild trennen müssen. Der Opa ist aber bald wieder da und schaut; und die Familie auch und holt.
Kunst sehen und verstehen, um zu genießen, ist wenig „mainstreamig“. Ist still und verlangt mehr als Bücherwissen; macht richtig Arbeit. Letzteres aber wird durch Kompetenzgeraune und -geschrei zunichte gemacht.

2. „…zunichte gemacht.“ Das ist so wenig und so passend resignativ: „Was hätten wir denn machen sollen?“ so die Lehrer! Gar nichts! Überhaupt gar nichts, außer die Ferien kulturkompatibel verbringen und den Jammer über Kulturverluste im wirklichen Leben auf den Ruhestand verschieben.
Wenn man neben dem Arbeitsplatz Studienrat ein weniges von dem, was man studierte in sein Berufsleben gerettet hatte, dürfte man nicht stillgehalten haben. Aber es war allgemeines Wohlverhalten, um jede Art von Unruhe des Draußen aus Schule herauszuhalten. Gesättigt und versorgt hat man den eigenen geistigen Standard geleugnet und am Ende vergessen.
Zum eigenen Wohle und dem der Konzerne und Lobbys, die Interesse nur an jungen Menschen haben, die – um Gottes Willen – nicht denken sollen, damit sie geschmeidig in den Verwertungszusammenhang passen.
Wer denken könnte, wäre unter Umständen Sand im Getriebe; und solcher ist für Getriebereibungslosverlauf nicht förderlich. Es mag Bruch, damit Ausfall und schließlich Unruhe (auch gesellschaftliche) geben.
Doch ist dieser letzte Gedanke schon weit weg von allem. Ein jeglicher sehnt sich gleichförmig Bester zu sein und immerwährend gehorsam nur er selber sein zu dürfen – in Accounts und Clouds ganz besonders subjektiv.
Das macht nur traurig. Mich; denn Wörter wie Eigensinn, Widerborstigkeit, Selbständigkeit laufen leer, weil ihre Bedeutung verloren ist. „Zunichte gemacht“! Nicht durch tyrannischen Zwang, sondern durch selbstauferlegten Konformismus. Der Vermutung erlegen, dass solches demokratisch sei.

3. Epilog
Anfangen musste ich in diesem Beruf, weil man Familie zu ernähren hat. Ich habe diesen Beruf gehasst! Wollte alles Andere und anders; nur ohne zu wissen, wozu und wohin.
Dann die Schüler, meine Lehrer. So habe ich 35 Jahre hinter mich gebracht.
Um diese Abwärtsspirale der Bürokratisierung eines Gegenstandes mit Namen „Kunst“ zu dem, was man Schulfach Kunst heute nennt zu erleben: Bewertungstabellen, Kriterienkataloge, Kanonisierung und Kompetenzsplitter. Da erkennt man die erschreckende Tatsache – muss sie anerkennen – , dass diese Bemühungen zur Einfachheit nur ein Ziel haben: Das uralte, biblische Bilderverbot endlich und endgültig zu einem allgemeinen Denkverbot zu formen.
Absurd, paradox?
Bei der Fülle der Bilder heute; was soll das?! Es ist so: Endlich die Erfüllung des Bilderverbots durch die Masse der Bilder, die jedes Bild unter sich begräbt.
Und jeder für sich, individuell, ganz und gar unabhängig von göttlicher und sonstiger Macht erfüllt die Forderung dieses Gebots mit jedem digital shot.
Jeder einzelne Mensch muss das Lesen und vor allem das Schreiben mühsamst lernen.
Bildermachen dagegen ist ihm in die Wiege gelegt. Das kann er, jeder Mensch!
Und damit kann er – potentiell – ein Bild von der Welt machen. Was heißt, diese Welt vor sich stellen, verdoppelt; und sie ändern.

Das ist mein Vermächtnis.