Die Eroberung der Zeit

Vom Apfel lernen, heißt - ja, was eigentlich?

Vom Apfel lernen, heißt – ja, was eigentlich?

Nachdem Mark Zuckerberg sich neben zahlreichen technischen Weltverbesserungen ja  auch „ewiges Leben“ auf die Fahne geschrieben hat und wir als trendbewusste members der globalen community verpflichtet sind, solches Ansinnen radikal positiv zu bedenken, ist es auch ein guter Zeitpunkt, sich eines Titels wie „Die Eroberung der Zeit“ zu befleißigen und ihn gründlich zu studieren.

„Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen“ lautet der etwas angestrengte Untertitel. Der Umfang ist mit 737 Seiten beachtlich; das ist nicht störend, wenn es um Denkwürdiges geht. Zwei Seiten „Danke“ vorneweg schon eher. Aussagekräftig sind diese beiden Seiten – als pars pro toto – gleichwohl: Die üppig ausgebreitete Dankbarkeit wird nämlich nicht empfunden, sondern bloß bekundet. Und wer meint, das sei doch gar nicht wichtig, es kommt doch darauf an, was in dem Buch steht – Die Bekundung steht umfangreich an sehr prominenter Stelle, quasi als Einleitung. Sie schreit förmlich „Zitier‘ mich!“. Gern:
Dank wird bekundet „jenen ganz besonders wichtigen Menschen, die dafür gesorgt haben, dass auch die Lebenszeit, die während der Arbeit an diesem Buch verstrichen ist, stets die eudaimonistisch bereichernde Fülle einer humanen Existenz für mich bereitgehalten hat.“ (S.10). Ich spüre Lesewiderstand – und das nicht, weil ich lange Sätze, Fremdwörter oder komplizierte Texte fürchte. Komplexe Sachverhalte bedürfen auch komplexer Ausdrucksformen; Vereinfachung vernichtet.

Aber es lässt sich umgekehrt auch alles in gedrechselten Sätzen ersticken und entfremden. Insbesondere menschliche Regungen, das irrationale Fühlen – und das hier schon bei einer Kleinigkeit wie „Dank“. Angesichts der so deutlich spürbaren Rationalisierungsanstrengung keimt deshalb sogleich der Verdacht: Ist die „Eroberung der Zeit“ durch verlängerte Lebensspannen vielleicht gar keine Eroberung, sondern vielmehr eine Flucht? Schon diese anfängliche Bemühung, Dankbarkeit als bekundeten Dank ins Unfühlbare zu dehnen und zu drechseln scheint mir – nun ja: ein böses Omen für das angestrebte Vorhaben.

Ich widme mich den „Systematischen Vorüberlegungen“ und hier wird deutlich, wovon schon der bekundete Dank zeugt: Die „Philosophie der verlängerten Lebensspannen“, die Sebastian Knell mustergültig gegliedert darstellt, ist eine einzige Angstabwehr, der Rückzug in die Intellektualisierung:
Die allgemeinere Fragestellung, von der ausgehend wir uns diesem Unterfangen annähern wollen, lautet: Welche rationalen Gründe kann es für eine Person geben, sich ein längeres Leben zu wünschen, bzw. eine künstliche Ausdehnung ihrer Lebensspanne in der Praxis anzustreben oder mindestens als grundsätzlich Option gutzuheißen?“ (S.67).

Wieso rationale Gründe? Die so gestellte Frage fixiert sogleich die Antwortmöglichkeiten und verdeckt, worum es bei den „verlängerten Lebensspannen“ wirklich geht: Warum haben wir Angst vor dem Tod und wie gehen wir damit um? Das Buch ist ein 737 Seiten dicker Versuch, eine kosmische bella figura abzugeben: Wir ham gar keine Angst, wir wollen aus Vernunft nicht sterben! – Die Sonne lacht, und das zu Recht.
Wer ergründen will, ob die „Bekämpfung des Alterns moralisch gerechtfertigt“ ist (Buchrücken), hat meines Erachtens die falsche Frage gestellt. Wichtig zu wissen, wäre: „Warum?“

Wenn Sie ebenfalls meinen, rationale Überlegungen seien das Beste, was ein Mensch zu leisten imstande ist, Philosophie eine Wissenschaft und Betriebsanleitungen eine Wegbeschreibung zum Glück – dann ist dieses Buch ein gutaussehendes, entsprechend geschriebenes Statement, mit dem Sie sich überall sehen lassen können.

Knell, Sebastian:
Die Eroberung der Zeit : Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen.
Berlin: Suhrkamp, 2015. 737 S.
ISBN 978-3-518-58619-8
39,95 €