Sag‘ die Wahrheit

Dieses Quiz mit Guido Baumann begleitete mich in den 60er-Jahren durch Kindheit und Jugend. Die Sendung wurde 1971 eingestellt und erhielt 1986 eine Neuauflage. Es ging darum, dass in der ersten Spielrunde drei Kandidaten behaupteten, eine bestimmte Person X zu sein. Durch Befragung der drei Kandidaten sollte herausgefunden werden, wer denn nun der wirkliche Herr X war. Die Sendung war durchaus unterhaltend, wenn auch sehr einfach gestrickt. Hier konnte die Wahrheit noch klar ermittelt werden.
Clownesk verliefen die Gerichtssitzungen mit dem wegen Landfriedensbruchs angeklagten Fritz Teufel, der bei einer längeren Stellungnahme vom Richter ermahnt, nur Tatsachen vorzubringen, die der Wahrheitsfindung dienten, später vom Vorsitzenden aufgefordert, sich zu erheben und dem Gericht Respekt zu zollen, antwortete: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“.

Ganz anders verhält es sich mit der auf Pegida-Demonstrationen skandierten Rufe einer „Lügenpresse“, die sich gegen Zeitung und Fernsehen wendet, d.h. dass sich diese Gruppierung im Besitze der Wahrheit wähnt, während alle anderen offenbar lügen.
Die folgenden Überlegungen zum Thema Wahrheit gründen sich auf eine philosophische Vorlesung an der Bergischen Universität Wuppertal im letzten Semester, gehen aber in ihren aktuellen Bezügen thematisch darüber hinaus. Auch soll hier nicht die Vielfalt von Wahrheitstheorien, wie sie in einer Vorlesung üblich sind, diskutiert werden.
Der Wahrheitsbegriff wird angesichts aktuell unsicherer Zeiten moralisch im Munde geführt und dient zur Heranziehung scheinbar unumstößlicher Argumente einer darauf gegründeten Ethik auf der Suche nach moralischer Orientierung („Was ich sage, ist die Wahrheit“ „Ich bin mir sicher“ „Es ist erwiesen, dass…“ usw).

Umgangssprachlich bedeutet Wahrheit das Übereinstimmen einer Aussage oder Behauptung mit der Wirklichkeit.
Jedoch wird der Wahrheitsbegriff angesichts verdichteter Informations- und Innovationszuwächse zunehmend obsolet. Herrscht in Wissenschaft und Technik noch eine gewisse erkennbare rote Wahrheitslinie, ist auf dem Feld sozialer und gesellschaftlicher Wissensakkumulation kein für das Subjekt erkennbares Wahrheitskonzept mehr zu erkennen, zumal religiös verbrämter Glaube und objektives Wissen mehr und mehr in Gegensatz geraten. Will sagen: ein linearer, sukzessiver, kontinuierlicher Wissenszuwachs i.S. einer Erkenntnismaximierung ist nicht so ohne weiteres feststellbar. Die Philosophin Karen Gloy stellt in Anlehnung an Hermannn Lübbe diesbezüglich eine „Gegenwartsschrumpfung“ fest, die besagt, dass wir in immer kürzeren Zeiträumen immer mehr Daten erfassen, immer mehr Informationen verarbeiten sowie immer komplexere und kompliziertere Strukturen durchschauen müssen, um Entscheidungen treffen zu können. Die Komplexität unseres Wissens akzeleriert ständig und strebt unaufhaltsam gegen Unendlich, während sie zeitlich gegen Null tendiert. Konkret heißt das, dass die Spanne der Gegenwart, in der Einsichten Verbindlichkeit besitzen, immer kürzer wird, folglich immer neue und immer mehr Erkenntnisse in immer rascherer Folge die Leerstelle ausfüllen müssen, um wenigstens auf demselben Niveau zu bleiben.“ (Karen Gloy, Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens, S. 269)
Wenn ich mir die als Nachrichten getarnten Kommentare z.B. über die Flüchtlingsproblematik in den sozialen Netzwerken anschaue und erfahren muss, dass Berichte oftmals auf falschen Fakten beruhen oder gar Vorfälle kommunizieren, die gar nicht stattgefunden haben und wohl nur der Phantasie des Verfassers entstammen, der gewiss eine bestimmte Intention mit der lancierten Nachricht verfolgt (z.B. Stimmung gegen Asylanten zu machen), so kann man den Glauben an die Wahrheit langsam verlieren. Oder nehmen wir einen Bericht über Frauke Petry, der AfD-Frontfrau, in der „Lokalzeit Dortmund“ (Sendung vom 15.03.2016), in dem sie die Behauptung aufstellte, dass es in Bergkamen (wo sie aufgewachsen ist) eine No-Go-Area gebe, in die sich die Ordnungshüter gar nicht mehr hineintrauen und damit hervorheben möchte, dass die staatlichen Organe in derartigen Stadtvierteln ihren Ordnungsaufgaben nicht mehr nachkommen, was aber bezogen auf diese Stadt im Beitrag klar widerlegt wird.
Ein erwähnenswertes Beispiel wäre bezogen auf unser Thema auch der sog. VW-Abgasskandal, bei dem honorige Manager mit dem Blick der Seriosität und Vertrauenswürdigkeit vor die Kameras treten und „wahrheitsgemäße Erklärungen“ darüber abgeben, wer was wann darüber gewusst oder nicht gewusst hat.
Getoppt werden kann unsere Beispielsammlung mit den Plagiatsvorwürfen bundesdeutscher Minister, die allesamt „wahrheitsgemäß“ erklärten, dass ihre Dissertationen auf eigenen Ideen beruhen und Fremdquellen ordnungsgemäß gekennzeichnet wurden.
Man muss sich klarmachen, dass derartige gehäufte „Wahrheitsentgleisungen“ zu Irritationen führen, denn das Prinzip des „Fürwahrhaltens“ von Informationen wird stark strapaziert. Wahrheit hat auch mit Authentizität, Echtheit, Zuverlässigkeit zu tun. Man tut so, als wäre es wahr.
Was kann ich aber wissen und was soll ich glauben? Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat in einer kleinen Schrift seinen Grundstandpunkt so formuliert: „Was ich weiß, das glaube ich“. (Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit, Frankf./M., S. 53)
Wenn wir unserem Wissen kein Vertrauen mehr zumessen können, wie sollen wir dann „richtig handeln“ oder besser angemessen handeln? Wittgenstein sieht Gewissheits- bzw. Wahrheitsfragen im Zusammenhang seiner „Sprachspiele“, in denen der soziale Hintergrund der Person sein Sprach- und Wahrheitsverhalten bestimmen.

In der Menschheitsgeschichte haben sich Wahrheiten immer wieder geändert. Schon in der Antike haben sich Philosophen dem Thema Wahrheit gewidmet, dass getragen war vom Ringen um Erkenntnis. Besonders Aristoteles lag die Frage, wie wir Wissen erlangen können, am Herzen. Merkmale seiner Wahrheitsdefinition lagen im Erforschen empirisch erfahrbarer Tatsachen. Im Mittelalter wurden Wahrheits- und Glaubensfragen oft vermengt. Die Wahrheit sollte allein von Gott kommen, die Berichte der Bibel wurden den Menschen als Quelle nicht hinterfragbarer Wahrheiten vermittelt. Mit der Aufklärung änderte sich dies grundlegend. Das Erkennen der Wahrheit wurde zunehmend schwieriger. Erst die Aufklärung knüpfte wieder an den Diskussionsstand der Antike an. Technische Revolutionen und die Ausdifferenzierung neuer Wissenschaften wie Psychologie, Ökonomie, Soziologie usw. relativierten bisherige Wahrheitskonzepte. Man schloss vereinfacht gesagt auf Wahrheit, wenn sich der Erfolg einer Sache einstellte und sie sich für alle als nützlich erwies (utilitaristischer Standpunkt). Man könnte daraus überspitzt folgern, dass
heutzutage die kapitalistische Gesellschaft die Wahrheit repräsentiere, während der Sozialismus nur ein großes Lügengebäude darstellt und daher scheitern musste.

Der Mainstream der Philosophie sucht heute die Wahrheit in sprachlichen Sätzen oder in Kommunikationstheorien.
Wittgenstein fragt, ob es denn überhaupt in meiner Macht liege, was ich wissen kann? Stimmen meine Gewissheiten mit der Wirklichkeit, den Tatsachen überein?

Sichere Evidenz ist die, die wir als unbedingt sicher annehmen, nach der wir mit Sicherheit ohne Zweifel handeln“ (Wittgenstein, a.a.O., S. 57).
Aber gibt es überhaupt objektive Wahrheiten, die unsere Handlungen irgendwie leiten können?
Gegenwärtig erleben wir angesichts der Wiederkehr der Religion gesellschaftliche Konflikte, die sich – und das macht die Sache so gefährlich – in einen Wertekonflikt

verwandeln (das Christentum gegen den Islam). Es wird dann sehr schwer, einen vernünftigen Standpunkt in meinen Grundüberzeugungen angesichts medialer Verzerrungen zu finden.
In der abstrakten Verallgemeinerung kann ich sicher nicht die Wahrheit finden. Weiß ich das, was ich dort sehe oder soll ich das glauben?
Wenn allerdings die Wahrheit so unsicher ist, wie kann man dann heutzutage noch sicheres Wissen gewinnen? Wie ist dann Erkenntnis überhaupt noch möglich? Hier bietet uns vielleicht ein früherer Philosoph Trost.

Nietzsche bestreitet die Möglichkeit, dass das Subjekt sicheres Wissen überhaupt erlangen könne. Er sieht eine Pluralität von Wahrheiten, da wir von verschiedenen Orten der Welt die Dinge betrachten. Wir können uns die wesentlichen Informationen beschaffen, um zu überleben. Unsere Wahrnehmung ist jedoch selektiv und wir können nicht alle Dinge erkennen.

Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.

Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu existieren, stellt: wahrhaft zu sein, das heißt die usuellen Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung, nach einer festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen. Nun vergißt freilich der Mensch, dass es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten Weise unbewußt und nach hundertjährigen Gewöhnungen – und kommt eben durch diese Unbewußtheit, eben durch dies Vergessen zum Gefühl der Wahrheit.“ (F. Nietzsche, Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Schriften aus dem Nachlass).

Nietzsche folgert daraus, dass es für den Menschen auch nicht gut sei, wenn er alle Hässlichkeiten der Welt erkennen würde. Aber hilft diese Sichtweise?
Ziel jeder bewussten Lebensführung sollte es doch sein, im „Wahren zu leben“. Der Philosoph Wilhelm Schmid, der an einer neuen Lebenskunst arbeitet, betont im Hinblick auf den Vollzug der eigenen Existenz weniger die diskursive als vielmehr die existenzielle Wahrheit: „‘Wahres Sein‘ ist diejenige Wahrheit, die gelebt werden kann, mit allem Risiko, das letztlich nur von demjenigen zu tragen ist, der dieses Leben lebt…In Wahrheit zu leben kann nur heißen, dasjenige Leben zu realisieren, das nach bestem Wissen und Gewissen, nach langer Überlegung und immer neuem Abwägen für das richtige gehalten und mit dem gesamten Lebensvollzug verantwortet werden kann.“ (W. Schmid, Mit sich selbst befreundet sein, Frankfurt/M. 2004, S. 123)
Bemühen wir uns um einen halbwegs authentischen Lebensstil, denn wie sagt man:
Wer die Wahrheit nicht in sich selber sucht, findet sie in der Welt vergeblich.