Kunst-Canapé: Olfaktorische Heraldik

Das „Werk“ von Reiner Schütter ist unfassbar, geradezu unbeschreiblich: laut der Ankündigung auf der Ausstellungseinladung betreibt er die von ihm selbst so genannte „Olfaktorische Heraldik“. Das klingt so manchem fremd in den Ohren – doch Kenner der Kunstszene erinnern sich: 2014 hatte Thomas Schonderson-Vorher dieses neue Kunstfeld für sich urbar gemacht und der interressierten Öffentlichkeit bei der ersten Primiennale 2014 den neuen Zugang ins Reich der Kunst eröffnet.
Seinerzeit hatte sich dieses noch unbekannte Genre allerdings nur einem sehr kleinen Teil des Publikums erschlossen und so war Herrn Schonderson-Vorhers Arbeit nicht die Aufmerksamkeit zuteil geworden, die dem Potential dieses Genres möglicherweise entspricht. Denn es handelt es sich wohl um eine Kunstrichtung mit hohem Erregungspotential. Darauf zumindest lässt die Wirkung von Reiner Schütters aktueller Ausstellung schließen, mit der er sich übrigens für die nächste Primiennale empfehlen will: „Ich bin ein Vertreter von Traditionen, von Dauer und Verlässlichkeit“ teilte er im Vorfeld mit und deutet an, dass er gedenke, in die Fußstapfen von Schonderson-Vorher zu treten und dessen Pionierarbeit auf eine neue Spitze zu treiben.
Für die Primiennale könnte sich das als zweischneidiges Schwert erweisen und das das polnische Kuratorenteam Ptaszie und Rajskie Mleczko, das bereits der Primiennale  2014 den Stempel aufdrückte sollte hier sorgfältig abwägen. Denn wie sich bei der Eröffnung zeigte, hat Schütter gleich mit dieser, seiner ersten Ausstellung  die örtliche Schützenbruderschaft St. Josef et al. nahehzu geschlossen gegen sich aufgebracht.
Schon der Ausstellungsort – der Saal der Gaststätte „Janz höösch“, dem Stammlokal der besagten Bruderschaft – war, wie sich später herausstellte, provokant gewählt.
Es bot sich im abgedunkelten Saal den Betrachtern denn auch ein vielleicht nicht ganz ungewohnter, gleichwohl aber gänzlich unerwarteter Anblick: nichts als Flaschen und Fläschchen gab es zu sehen, leer oder mit kleiner Neige darin, und es hing ein quälend schwerer, unangenehm süßlicher Dunst im Raum.
Woher der stammte, ließ sich nicht ergründen und Herr Schütter verweigerte, offenbar in einer Art Performance-Auffassung von sich selbst, jede Auskunft über sein Werk. Schweigend, aber sichtlich bewegt, lag er dahingestreckt im Raum, um sich herum auf Boden, Tischen und Stühlen die – nun ja –  Flaschensammlung, allesamt ohne Etikett, mithin bar jeder Botschaft. Es lässt sich leider nicht anders beschreiben – es war nichts zu sehen als ebenjenes Glaswerk, dazwischen, wortlos, reglos, aber zugleich sichtlich aufgewühlt: der Künstler und überall im Raum: der, man kann es leider nicht elegant umschreiben: süßliche, schwere Gestank.
Die Eröffnungsgäste blieben darob auch ihrerseits stumm und zum schweren Duft und Herrn Schütter am Boden kam nun noch massives Unbehagen und die Frage nach einem Arzt. Einer der anwesenden Schützenbrüder, zum Glück ein Sanitäter, kam aus dem benachbarten Schankraum herbei und bemerkte nur lapidar, „der Reiner“ sei nicht ganz bei Trost. Herr Schütters unwilliges Grunzen vom Fußboden her versicherte uns immerhin der Tatsache, dass er sehr wohl bei Bewusstsein war.

Gern hätte man gewartet, bis es ihm gelegen gewesen wäre, den Hintergrund seiner Arbeit zu erläutern – allerdings eskalierte die Lage in den nächsten Minuten sehr schnell und auf das Unerfreulichste. Kurz hinter dem Sanitäter erschien der 2. Vorsitzende der Schützenbrüderschaft, Michel Hämmer, ließ die Szenerie samt Geruch kurz auf sich wirken und konnte sich offenbar einen Informationsvorsprung bezüglich Herrn Schütter und dem Ort des Geschehens zunutze machen. „Janz höösch“ war hier dann nichts mehr, denn er geriet derart in Rage, dass er den Künstler umgehend vom Ort seiner Ausstellung zu entfernen trachtete – was dieser, sich vorsichtshalber auf den Bauch drehend und alle Viere von sich spreizend, mit dem Ausruf quittierte, DAS kenne er schon vom Michel – und nun – hier horchten wir auf – könne es jeder sehen und riechen!
Herr Hämmer wurde vom Sanitäter vorsichtshalber und unter Protest aus dem Saal entfernt, Herr Schütter rührte sich weiterhin nicht – alles in allem eine höchst unerquickliche Situation für alle Anwesenden. Ob wir nun Zeugen und Zeuginnen eines lokalpolitischen Protestaktes geworden sind oder gar als Statisten Teil eines Ereignisses im Žižekschen Sinn – es lässt sich derzeit nicht absehen, da die genaueren Hintergründe noch im Dunkeln liegen, denn sowohl Herr Schütter wie auch Herr Hämmer verweigern jede weitere Stellungnahme.
Im Hinblick auf eine reibungslos ablaufende Primiennale hat dieser Abend leider einen hässlichen Beigeschmack und den Mleczkos möchte man zurufen: seid gewarnt!