Aus dem Leben eines akademischen Tagelöhners

– Von Sylvio Lehrmann –

Einen merkwürdigen Titel hat dieser Artikel, nicht wahr? „Was mag das sein?“, fragen Sie sich vielleicht. „‘Tagelöhner‘ kenne ich aus dem 19. Jahrhundert“, werden Sie vielleicht überlegen, „und ‚akademisch’“, werden sie denken, „kann es so etwas geben?“
Vielleicht sollte man es nicht Tagelöhner, sondern Monatslöhner nennen. Dieses Phänomen ist in der gegenwärtigen Arbeitswelt bereits in vielen Bereichen zu beobachten: Es gibt die Leih- oder Zeitarbeiter, Aufstocker und Ein-Euro-Jobber, Menschen mit zwei oder drei Minijobs, Selbstständige und Freiberufler.
Viele von ihnen gehören offiziell zum „Mittelstand“. Aber wir brauchen uns an der Stelle nichts vorzumachen: einen wirklichen Mittelstand gibt es im Prinzip nur noch in der Beamtenschaft. Selbst Festangestellte, die sich vielleicht in Sicherheit wähnen, sind durch die Hartz-IV-Regelungen im Grunde immer nur ein Jahr von der relativen Armut entfernt. Bei ein wenig Pech rutscht man dann in jene Abwärtsspirale, die die Schere in dieser Gesellschaft weiter vergrößert und deren Auswüchse wir in einigen Jahren erst richtig spüren werden.

Was nun in der normalen Arbeitswelt schon Gang und Gäbe ist, haben auch die Regierungsbehörden übernommen – Beamte außen vor, denn ihre Welt ist eine ganz andere. Wir lassen auch jene Festangestellten außen vor, die mit einem schönen alten Vertrag ausgestattet sind: Eine Fachkraft, die seit 20 Jahren im Job ist, kann sich heute noch über ein schönes Gehalt freuen. Diejenigen aber, die ganz neu kommen, werden dieses Gehalt nie mehr erreichen können. Und selbst von diesen soll an dieser Stelle nicht die Rede sein: hier geht es nur um die Tagelöhner der Behörden/ in den Behörden. Die wirtschaftlich verschiebbare Masse.
Wenn Sie jetzt denken „Vielleicht haben diese Leute keine gute Ausbildung, hätten sie in der Schule mal besser aufgepasst“, so halte ich Ihnen entgegen, dass eine gute Ausbildung nicht den Zugang zu einem besseren Leben gewährleistet. Das gilt besonders im Bereich der Bildung. Da sind viele Sparten betroffen, es reicht von der Kindergärtnerin bis hin zum Honorarprofessor.
Schauen wir uns ein konkretes Beispiel an. Obwohl Einzelbeispiel ist es kein Einzelfall. Es wiederholt sich in der ein oder anderen Form mit leichten Abweichungen, aber im Grunde immer mit gleichem Ergebnis: Tagelohn mit der ständigen Angst vor dem sozialen Abstieg.

Der Akademiker, um den es hier geht, arbeitet als Lehrer und muss das Nachdenken über seine berufliche Situation meiden. Es würde ihn wütend machen. „Es ist besser nicht zu viel nachzudenken, Hirn ausschalten und weitermachen“. Seinen Namen will er in diesem Artikel nicht genannt wissen. „Bloß nicht“, hat er gesagt, „vielleicht spricht sich das rum und ich stehe am Ende ohne alles da. Noch nicht einmal mit einem schlecht bezahlten und befristeten Job. Das kann ich mir nicht leisten.“
Also ist seine Identität geändert und ich nenne ihn Ernst. Auch sein Fachgebiet habe ich geändert: hier ist er Politologe. In der Schule werden Fächer wie Politik oft von fachfremden Lehrern unterrichtet, in etwa nach folgendem Muster: „Bitte schlagt das Buch auf S. 33 auf und löst die Aufgaben!“
Zurück zu Ernst: er ist heute Ende 40 und hat sein Studium vor über 20 Jahren abgeschlossen.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Als Arbeiterkind aus bildungsfernem Haushalt, bodenständig und ohne den anerzogenen Habitus des Akademikers, hat er sich sein Studium hart erarbeiten müssen.
Nach dem Studium arbeitete er in der Forschung und Wissenschaft, immer nur mit Zeitverträgen. Das belastete ihn und irgendwann, nach einigen Jahren  und vielen Verträgen wurde er dann arbeitslos. Er schrieb in jenem Jahr rund 200 Bewerbungen und nebenbei seine Promotion, denn viele Absagen kamen mit der Begründung, er müsse einen Doktortitel vorweisen. Und mittlerweile war er Vater geworden, der Druck war dementsprechend groß. Nach der Promotion kamen wieder Jobs; manche mies, einige gut, mal frei, mal angestellt mit Zeitverträgen. Einige Jahre lang.

Als es ihn dann wieder erwischte und er keinen Job mehr hatte, bewarb er sich an einer Schule als Vertretungslehrer. Er rechnete nicht mit einer Arbeit, denn als er sich zu Beginn der der Promotion nach Alternativen umgeschaut hatte und sich bei der zuständigen Behörde gemeldet hatte, um sich über eine Ausbildung zum Lehrer zu erkundigen, hörte er, dass man keine Leute bräuchte und sein Unterfangen aussichtslos sei. Er nahm es hin, denn im Grunde hatte er nie die Absicht gehabt, Lehrer zu werden.
Aber nun musste er es auf anderem Wege doch einmal probieren und suchte sich eine Schule weit außerhalb. „Wenn ich scheitere“, sagte er damals, „dann spricht sich das wenigstens nicht so schnell ‚rum.“ Aber: er brauchte nur eine Bewerbung und wurde an einem Gymnasium genommen. Das war ein schönes Erfolgserlebnis. Dass er bei seiner Anstellung trotz 10jähriger Berufserfahrung als Berufsanfänger eingestuft war für ihn OK: er besaß ja kein Examen als Lehrer, nur seinen Magister und einen im Schuldienst völlig unerheblichen Doktortitel. Er machte seine Sache besser, als er es erwartet hatte und fühlte sich an der Schule wohl. Allerdings konnte man ihm nach Ablauf des Vertrages keinen neuen anbieten. Nach einem halben Jahr war es also vorbei.
Er schrieb eine einzige Bewerbung – und hatte einen Vertrag an einem anderen Gymnasium.

Auch an der neuen Schule fühlte er sich sehr wohl, bekam aber wieder nur befristete Verträge. Eine nachträgliche Zählung ergab zehn Verträge in fünf Jahren mit einer Dauer von jeweils  bis neun Monaten. Das sind prekäre Verhältnisse, verschärft durch den Umstand, dass die Zeitverträge manchmal nicht rechtzeitig ankamen und er oft am letzten Tag vor Ablauf des alten Vertrages erst den neuen unterschreiben konnte. Es kehrt keine Ruhe ein.
Aber Ernst blieb gelassen und empfand seine tägliche Arbeit als sehr befriedigend. Manchmal hatte er sogar das Gefühl, beruflich angekommen zu sein, dann vergaß er seinen Status. Schüler, Kollegen und Eltern schätzten seine Art, immer gut vorbereitet, kreativ, im Umgang mit allen Seiten, freundlich, verbindlich und gewissenhaft.
Die Schulleitung war letztendlich so zufrieden, dass sie ihn fest anstellen und ihm einen Eintritt in den regulären Schuldienst ermöglichen wollte. Dies scheiterte, da ihm ein zweites schulrelevantes Fach fehlte. Er hätte nun noch ein Fach nachstudieren müssen.
Auch mit dieser Abweisung durch das Schulamt arrangierte Ernst sich und arbeitete einfach weiter. Bis er kurz darauf in den Herbstferien arbeitslos wurde: Die zuständige Sachbearbeiterin hatte Urlaub und konnte den Vertrag nicht rechtzeitig schicken…
Den Gang zum Arbeitsamt hätte Ernst sich gern gespart; „Kann passieren“ war sein Trost.

Seiner prekären und im Grunde rechtlosen Stellung als akademischer Tagelöhner wurde er sich dann aber am Ende des Schuljahres 2013 vollends bewusst. Da arbeitet er schon fast 5 Jahre als Lehrer an einer Schule. An eben dieser Schule unterzeichnete er einen neuen Vertrag. Dieser wurde aber von Seiten der Behörde nicht mehr gegengezeichnet, da man beschlossen hatte, keine Vertretungslehrer mehr zu beschäftigen.
In seiner Schule verloren damit etwa ein halbes Dutzend Akademiker vollkommen überraschend und ohne Vorwarnung ihre Arbeit. In diesem Jahr entließen die Bezirksregierungen übrigens viele dieser Zeitarbeits-Lehrer. Man kann versuchen, die genaue Zahl zu recherchieren: vergeblich. (Als Ernst hochrechnete, kam er auf eine Zahl von mindestens 3000 für ganz NRW.)

In seinem Fall wollten sich Kollegen, Schulleitung und auch Schüler nicht damit zufrieden geben und setzten einen Beschwerdebrief an die zuständige Ministerin auf. Jene Ministerin, die Monate zuvor einmal bei einer Veranstaltung der Schule seinen Unterricht besucht hatte und sich ganz begeistert gezeigt hatte. So hatte sie die inhaltliche Klarheit und den kollegialen Umgang zwischen Lehrer und Schülern in der Presse nachhaltig gelobt. Das Engagement brachte aber keinen Erfolg. Die Ministerin antwortete in Floskeln, sie könne eben auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen, es sei eine politische Entscheidung.
Damit war Ernst nach über fünf Jahren kaltgestellt.
Und dabei hatte er Glück: Eine Ehefrau, die verdiente, Arbeitslosengeld und noch einige Auftraggeber aus der Zeit des Freiberuflers. Kontakte, die er in den zurückliegenden Jahren immer gepflegt hatte. Aber die Unsicherheit war groß, er hatte Existenzängste. „Sollte es das gewesen sein?“ fragte er sich. Er bewarb er sich an anderen Schulen und nach über einem Jahr und 70 Bewerbungen fand er dann wieder eine befristete Anstellung an einer Gesamtschule. „Es geht wieder aufwärts“, hoffte er.

Mit großem Elan ging er in die Vorbereitung. Es lief gut, von Anfang an. Auch wenn er sich erst an das andere Lernniveau und die Inklusion gewöhnen musste, die einen eigenen Artikel verdient.
Ernst fühlte sich wohl und war engagiert. Sein erstes Gehalt allerdings kam, wie immer nach einem neuen Vertrag, mit Wochen Verzögerung. Was ihn dann wunderte war, dass er nach über 5 Jahren im Schuldienst wieder ein Anfängergehalt bekam. Als er mit der Sachbearbeiterin darüber sprach, teilte sie ihm mit, dass dies noch korrigiert werde.
Um es zu verdeutlichen: Der Unterschied zwischen dem Gehalt an der alten und der jetzigen Schule betrug bei einer vollen Stelle ca. 1200 Euro brutto.
Was ihn beunruhigte war, dass er von der Sacharbeiterin nichts mehr hörte. Er versuchte anzurufen, schrieb Mails und schließlich bekam er auf mehrfachen Drängen nach 8 Monaten eine Nachricht. Man teilte ihm mit, dass er tatsächlich weiterhin als Anfänger eingestuft werde. Er sagte damals zu mir: „Das kann nur Versehen sein. Ich arbeite mittlerweile fast 6 Jahren im Schuldienst und schreibe einfach einmal das Dezernat an, die werden das schon richtig stellen.“

Schließlich kam die Antwort: Das Gehalt sei korrekt und auch die Begründung wurde ihm mitgeliefert. Nach TV-L § 16.2 Zusatzprotokoll lagen zwischen seinen zwei Verträgen an den Schulen mehr als sechs Monate. Dies erfordere die Rückstufung. Als zweite Begründung wurde aufgeführt, dass auch der Wechsel der Schulform eine Rückstufung erfordere. Seine jetzige Tätigkeit an einer Gesamtschule sei eine andere Tätigkeit als an einem Gymnasium.
Für Kenner sei gesagt, dass es sich hier um die Rückstufung von E12 Erfahrungsstufe 4, in die er jetzt aufgestiegen wäre, auf E11 Erfahrungsstufe 1 handelte. Zur Erklärung: E steht für die Schulform und die Erfahrungsstufe eben für die Anzahl der Dienstjahre. Ein Schock. Aber es sollte noch schlimmer kommen:
Einige Wochen später kam ein Brief, der ihn dann auf E10 zurückstufte, da die Bezirksregierung eine Neuordnung der Gehaltsstufen vorgenommen hatte. Die Änderungen im Gehaltsgefüge wurde ihm in einem Brief als Reform und Verbesserungen seiner Arbeitsbedingungen verkauft. Mittlerweile hatte mein Freund den insgesamt 14. oder 15. Vertrag  unterschrieben. Er konnte es schon nicht mehr zählen.

Wirklich zufrieden wurde Ernst nun nicht mehr. Er lebte in einer Mischung aus Wut und Resignation. Zynisch sagte er einmal zu mir: „Ich danke meinem guten Vater Staat dafür, dass er mir die Gelegenheit gegeben hat, mich, als Kind aus der bildungsfernen Arbeiterschaft – dem Proletariat, wie man früher ja so schön sagte – mit Magister und Promotion ausgestattet, ins Prekariat vorzukämpfen. Das gab mir die Chance, ein humanistisch gebildeter Habenichts zu werden und dazubleiben, wo ich eben gesellschaftlich als Arbeiterkind auch hingehöre.“
Und das sollte nicht die letzte Demütigung bleiben. Denn als einmal mehr ein Vertrag am Ende der Sommerferien endete, ließ sich die Behörde viel Zeit. Daraus ergab sich, dass sich Ernst sich wieder beim Arbeitsamt und der Krankenkasse melden musste. Nach Stunden, die er morgens mit dieser Arbeit verbracht hatte, kam er nach Hause, schaute in seine Mails und siehe da: ein neuer Dreimontagsvertrag bis Ende des Jahres. Den unterschrieb er natürlich noch am gleichen Tag und konnte sich bei der Agentur für Arbeit wieder als „Kunde“ abmelden.

Dieser Vertrag endete am Ende des Jahres. Mit den Weihnachtsferien. Obwohl Ernst und auch die Schulleitung Druck gemacht hatten: es gelang der Bezirksregierung nicht, den neuen Vertrag rechtzeitig zu schicken. Und so machte er sich wieder einmal zum Arbeitsamt auf, um sich wieder einmal arbeitslos zu melden.
Und als nach den Ferien immer noch nichts da war, da glaubte er schon „Das war’s“. Doch wie aus dem Nichts kam am Ende der ersten Schulwoche die Nachricht, dass er wieder arbeiten könne, ein neuer Vertrag sei da. Die Kinder hatten in der Zeit Vertretung bei anderen Lehrern.
Ernst wollte zunächst nicht mehr hin, er sagte, dass man seine Grenze schon lange überschritten habe.
Es war seine Frau, die ihn überredete, noch einmal zu gehen. „Tu es für die Kinder“, sagte sie und sie meinte damit nicht die Kinder fremder Leute. So unterschrieb er. Diesmal wieder für ganze drei Monate.

Die prekäre Lebenssituation hat ihn verändert. Zunächst war er zynischer geworden, doch aus dem Zynismus wurde nun Wut und ein alter Ton-Steine-Scherben Song aus den 1970er würde sein Gefühl sicherlich am besten beschreiben: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“
Letztendlich, und das ist für ihn persönlich schlimm, lässt ihn das alles kaum noch schlafen. Er hat nicht viele Möglichkeiten und es scheint absehbar, was kommt: Aussteigen und die Suche nach etwas anderem, Arbeitslosigkeit,  oder eben weitermachen und daran krank werden.

Denn wenn einer dagegen juristisch und öffentlich vorgeht, muss er sich das erst einmal leisten können und dabei befürchten, nie mehr einen Job in diesem Bereich zu bekommen. Ein Arbeitsleben, wie im 19. Jahrhundert in einem Land, das von einer ehemaligen Arbeiterpartei regiert wird, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen wollte.
Und wie schon erwähnt: diese Geschichte ist kein Einzelfall. Kein Fehler im System. Überall unterrichten diese Leute, fachlich hoch qualifiziert und mit den Pflichten eines jeden Lehrers in der Schule. Innerhalb der Bezirksregierung jedoch ohne Lobby, ohne Rechte und ohne echte Chance. Sie werden wortlos abgeschoben, wenn man sie nicht mehr braucht.

Vor Jahren muss es noch die Möglichkeit gegeben haben, sich in das System einklagen können. Doch das wurde geändert, so dass man im Grunde über Jahrzehnte befristete Verträge haben kann.
Und es sind Hunderte, vielleicht noch viel mehr, jene Lebensläufe von Sprachwissenschaftlern, Historikern, Kunsthistorikern, Sportlern, studierten Musikern – Frauen und Männern, die Jahre gearbeitet haben, um dann auch dauerhaft vor dem Nichts zu stehen. Aber das alles sind wieder ganz andere Geschichten…