Kant an der Wand – eine Verschwörung

Sag‘ die Wahrheit – Teil II

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Sie stellen die Wahrheitstheorien auf eine harte Probe.
Es ist modern geworden, sich Meinungen, Standpunkte und Behauptungen unter dem Blickwinkel einer größer werdenden Unübersichtlichkeit des gesellschaftlichen Lebens zurecht zu legen. Der einfacher werdende Zugang zu einer Vielzahl von Standpunkten wird – weil man die Welt nicht mehr versteht – von Theorien bedient, die ihren Anhängern das eigene Denken abnehmen. Es macht auch viel mehr Mühe, angesichts vielfältiger Wirklichkeiten eigene Fakten zu sammeln und auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen bzw. sie gegeneinander abzuwägen. Verschwörungstheorien bieten Interpretationsmuster, die Welt in Gut und Böse einzuteilen und entlasten die eigene Urteilskraft, die präsentierten Daten müssen nur authentisch und plausibel erscheinen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat viel dafür getan, dass Verschwörungstheorien jetzt Hochkonjunktur haben, wenn er von „Fake News“ und „alternativen Fakten“ redet.

Hier spielen die sozialen Medien eine bedeutende Rolle. Sie bieten dem Einzelnen Möglichkeiten, sich einen Weg durch die unbegrenzten Interpretationsmöglichkeiten zu bahnen und sich einfache Lösungen bei der Aneignung einer Weltanschauung zurecht zu legen. Verschwörungstheorien überblenden dieses, bei einigem vernünftigen Nachdenken, oftmals aufkommende Gefühl absurder und unwahrscheinlicher Beweislagen. In der Psychologie ist dafür der Begriff des „confirmation bias“ bekannt, früher auch als selektive Wahrnehmung bezeichnet. Der confirmation bias ist eine Bestätigungsfalle, dessen Mechanismus ungefähr folgendermaßen funktioniert:

Es handelt sich um die Neigung von Menschen, vorwiegend jene Informationen zu suchen bzw. wahrzunehmen, die eine vorgefasste Meinung bestätigen. Was eine Meinung widerlegt, blenden wir aus. Was unsere Meinung dagegen bestärkt, nehmen wir stärker wahr. Soziale Medien wie Google und Facebook wissen, was uns gefällt und lenken unsere Aufmerksamkeit in diese Richtung. So entsteht ein Raum, in dem wir immer die gleichen Stimmen wahrnehmen. Was uns dann in unserer Meinung bestärkt, teilen wir mit Freunden und Gleichgesinnten. So entsteht eine Filterblase, eine Echokammer, in der wir zirkulieren.

Angetrieben werden die Verschwörungstheorien durch 2 Momente:

  1. gesellschaftliche Entwicklungen werden durchdrungen von einem Katastrophengefühl, den die Sozialforscher H. Welzer und C. Leggewie mit dem Begriff des „tipping points“ umschrieben haben (Welzer, Leggewie, Die Welt, wie wir sie kannten). Tipping points sind dabei komplexe Systeme wie Finanzmärkte, das Klima, das Ökosystem der Meere, der Sozialstaat mit seiner Flüchtlingspolitik usw. Der Umschlagspunkt bezeichnet einen Punkt, in der ein vormals stabiler Zustand plötzlich instabil wird, kippt und in etwas qualitativ anderes umschlägt.
  2.  werden Verschwörungstheorien vom subjektiven Gefühls des Abgehängtseins, Ausgegrenztseins befeuert: ich habe keine Souveränität mehr über mein Leben, fühle mich sozial ausgegrenzt, nicht anerkannt, unwichtig. Der Mensch entwickelt eine Angstlust, Lust am Schauer (Dieter Sträuli) und sucht Trost in der Annahme, ein Agent oder der Staat stecke dahinter. Man will jemanden benennen können, der schuldig ist. Das eigene Ohnmachtsgefühl kann auf diese Weise kompensiert werden.

Kann der moderne Mensch nun nicht mehr zwischen Verschwörungstheorien und Wahrheit unterscheiden?

Verschwörungstheorien sind so alt wie die Menschheit und entspringen einem magisch-mythischen Weltbild. Wie der Psychologe Dieter Sträuli betont, orientieren sich Verschwörungstheorien an der Esoterik mit ihrer Theorie der Seelenwanderung, nämlich, dass der Tod nur ein Übergang in eine andere Art des Lebens sei. Eine Einführung in Geheimwissen soll noch im Leben das Göttliche in uns freisetzen, dass sich später über die Materie erheben wird. (Dieter Sträuli in: Der Schweizer Beobachter vom 24.06.2013: Wieso das Gift nicht ins Trinkwasser geben?). Im Mittelalter herrschte Hexenglaube, schwarze Magie. Illuminati, Tempelritter und Geheimdienste erschafften sich ihre eigenen Gesetze und setzten sich über sämtliche Regeln hinweg.

Mit der Aufklärung begann dann das Zeitalter des weltgeschichtlichen Epochenbruchs und ist vor allem mit dem Namen Kant verbunden. Was bleibt von dem Postulat Kants, wenn er einst formulierte, dass man den Mut haben solle, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen? (Kant, „Was ist Aufklärung?“). Das heißt doch, der Mensch soll sich nicht von anderen an der Nase herumführen lassen. Man soll sich nicht populistisch verhalten.

Wenn auch verschiedene Ansichten darüber bestehen, wie man Vernunft beschreiben soll, besteht doch in der Philosophie weitgehend Einigkeit darüber, dass Vernunft diejenige Fähigkeit darstellt, die es uns erlaubt zu argumentieren, Schlüsse zu ziehen und zu allgemeinen und abstrakten Aussagen über die Welt zu gelangen.
Kants Vertrauen in den Staat war noch nicht erschüttert. Vielmehr hielt er eine rationale Kooperation zwischen Staat und Individuum für selbstverständlich.
Der Philosoph Karl Hepfer hat in seinem sehr lesenswerten Buch die Ursachen solchen Verschwörungsdenkens herausgearbeitet und anhand vieler spektakulärer Beispiele die Wirkungen und Widersprüche von Verschwörungstheorien beschrieben: von der Weltverschwörung der Freimaurer über die Mondlandung als Hollywood-Inszenierung, Techniken der Gehirnwäsche bei den Illuminaten bis zu Functional Food, wo die Behauptung aufgestellt wird, dass unsere modernen Lebensmittel absichtlich mit krankmachenden Substanzen angereichert werden, um die Pharmaindustrie durch vermehrten Kauf von Arzneien zu höheren Gewinnen zu verhelfen. Doch Hepfer schildert auch Theorien, deren Behauptungen nahe an der Wahrheit liegen, z.B. das Netz als totale Kontrolle durch Staat und Suchmaschinenbetreiber oder den Zusammenhang von Wiedervereinigung und Einführung des Euro mit dem Ziel, die D-Mark rasch durch eine europäische Gemeinschaftswährung zu ersetzen.

Nach Sträuli sind Rechte eher anfällig für Verschwörungstheorien als Linke und benutzen sie zu Propagandazwecken mit rassistischer Färbung, z.B. dass der Islam versuche, uns mit seinen Symbolen zu unterwandern und eine weltweite Bekehrung anstrebe oder die Verbreitung des Gerüchts, US-Geheimdienste hätten die Twin-Towers selbst in die Luft gejagt, weil man es arabischen Terroristen schlicht nicht zutraut, ein Passagierflugzeug in ein Ziel zu lenken. Sträuli räumt aber auch ein, bei einzelnen Verschwörungstheorien zeitweise schwach geworden zu sein, weil sie für ihn so schön klangen: so zum Beispiel bei der Vorstellung, dass es außerhalb der Erde Leben gibt und dass er eines fernen Tages auf einen fernen Planeten entführt würde.

Und was hat nun Kant mit all dem zu tun? Kant sah zu seiner Zeit die Philosophie auf einem „Kampfplatz“ zwischen Rationalismus, Empirismus und Skeptizismus. Sein Ziel war, zu klären, inwiefern wir sichere Erkenntnis gewinnen können. Der Mensch unterliegt zwar den Naturgesetzen und wird von Gefühlen, Leidenschaften, Trieben und Instinkten gesteuert, er ist aber auch Vernunftwesen und hat die Möglichkeit, der mechanischen Kausalität zu widerstehen und sich an moralischen Prinzipien zu orientieren, nämlich der Freiheit, Gesetzen zu folgen, welche sich die Vernunft selbst gegeben hat.

Auch wenn Verschwörungstheorien größtenteils absurd klingen, müssen sie ernst genommen werden – vor allem, wenn sie eine anti-gesellschaftliche Haltung untermauern (gegen Europa, gegen Migration, gegen Rassismus, gegen die Medien, gegen ….gegen..). Letztlich kann man die Leute nicht einfach pathologisieren. Wir müssen die zugrunde liegenden Probleme besser verstehen lernen und mit Vernunft und Verstand dagegen halten.

Empfohlene Lektüre:
Karl Hepfer: Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft.
transcript Verlag Bielefeld 2015, € 24,99

Sag‘ die Wahrheit – Teil I