Bäume, Blumen, Dwayne.

Um das berühmte Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer, das auf Initiative des AStA der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin von der Fassade derselben entfernt wird, kehrt keine Ruhe ein. Ein Teil der Republik steht seit Monaten nach besten Kräften Kopf und vielerorts muss das Gedicht aus dem Boden sprießen, damit niemand auf die Idee kommt, hier dürfe man nicht machen, was man will. Man darf nämlich machen, was man will!
Dass genau deshalb eine Hochschule im Rahmen einer hochschulinternen Debatte die eigene Fassadengestaltung ändern kann, fällt dabei nicht ins Gewicht. Denn da wäre die Diskussion – blöde Idee oder nicht – auch schon zu Ende.
Aber die Entfernung des Gedichts von besagter Fassade erfolgt mit dem Verweis auf die unwillkommene Objektivierung von Weiblichkeit. Die Bewunderung, die in „Avenidas“ den Bäumen, Blumen, Frauen unablässig auf einer Hauswand prangend entgegengebracht wird, ist nicht überall willkommen und wurde zurückgewiesen. Nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, auch nicht mit Überschmierungen oder sonstigen Beschädigungen, sondern nach hochschulinterner Debatte. Das Gedicht wird also nach sorgfältiger Entscheidungsfindung entfernt.
DAS geht aber nun gar nicht und mit dem (falschen) „Zensur!“-„Argument“ wird seither eine fundierte Debatte effektiv behindert und verunsachlicht, was das Zeug hält. (Jedenfalls habe ich nur vereinzelt reflektierte Reaktionen wie diese hier darauf entdeckt.)
Zum Problem, das der AStA in dem Gedicht an diesem Ort sah, äußerte er sich so: „An der Strahlkraft des Kunstwerkes zweifeln wir keinesfalls, scheint es doch thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit. Sollten die gelobten „neuen Zusammenhänge“ […] Gomringers nicht nur auf seine Wortkonstellationen, sondern auch auf eine gesellschaftliche Ebene bezogen sein, so sind diese uns nicht ersichtlich.“ Und das stimmt: dass einer Alleen, Blumen und Frauen anguckt, beziehungsweise bewundernd anguckt, ist tatsächlich in keinem Zusammenhang neu. Aber ist es deshalb auch sexistisch?
In Anlehnung an die Anleitung von Anne Victoria Clark, wie Männer überprüfen können, ob ihr beabsichtigter Umgang mit Frauen übergriffig ist, habe ich den von ihr entwickelten Test an diesem Gedicht durchgeführt. Die Durchführung ist denkbar einfach, denn es gibt nur eine Anweisung: Behandle alle Frauen so, wie du auch Dwayne „The Rock“ Johnson behandeln würdest! Dann kann eigentlich nichts schief gehen, denn wenn das OK ist, dann ist es wirklich OK. Auf das Gedicht übertragen heißt das, ersetze „Frauen“ durch „Dwayne „The Rock“ Johnson“. Angesichts der lyrischen Gegebenheiten habe ich mich allerdings auf seinen eindeutig bewundernden Beinamen „The Rock“ beschränkt. Also:

Alleen 

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und „The Rock“

Alleen

Alleen und „The Rock“

Alleen und Blumen und „The Rock“ und 

ein Bewunderer

Das Gedicht selbst gibt, auch in dieser Testfassung, keine eindeutige Antwort.
Man kann sich vorstellen, dass es Dwayne „The Rock“ Johnson gefiele, wenn jemand seine Hausfassade meterhoch mit diesem Text versieht. Und dass er seinen Bewunderer gern mal in Augenschein nehmen würde; schon um festzustellen, was es mit der Bewunderung auf sich hat. Aber genau so gut ist denkbar, dass er nach ein paar Wochen lieber einen anderen Weg zur Arbeit wählen würde, weil es ihm auf die Nerven ginge, jeden Tag der meterhohen Bewunderung ausgesetzt zu sein. Und noch eine andere Frage wäre, um den Kontext der Überlegungen des AStA und der Alice-Salomon-Hochschule zu berücksichtigen: Würde er es gut finden als Aushängeschild einer Hochschule für Sport und Schauspielerei?
Das Gedicht selbst gibt, wie gesehen, keine eindeutige Antwort. Es interagiert, wie jedes gute Kunstwerk, mit seiner Umwelt, mit dieser Gesellschaft. Und da wird es derzeit anstelle von Argumenten und Nachdenken einfach und plakativ an verschiedenen Orten der Republik aufgepflanzt. Als Fähnchen im Wind, wie zum Beispiel am Brandenburger Tor, hat es nun die Frage beantwortet, ob das Unwohlsein angesichts der objektivierenden Bewunderung von Frauen eine nachvollziehbare Berechtigung hat: Ja, leider. Wo nämlich Bewunderung nicht einfach zurückgewiesen werden darf, ist die Freiheit eingeschränkt. Allerdings nicht die Freiheit der Kunst, sondern die der Bewunderten.

Bewunderung ist nicht dasselbe wie Respekt. Und wo jener fehlt, ist diese nicht genießbar.