„Hey Mercedes.“

Ich habe heute Post von Ihnen erhalten. Das hat mich überrascht, denn ich war mir sicher, dass Sie mich gar nicht kennen. Meine Adresse scheint sich also recht gut zu verkaufen und nun bekomme ich Post von Ihnen. Da Sie selbst die flapsige Anrede „Hey Mercedes“ ins Spiel gebracht haben, erlaube ich mir, Sie bei diesem schönen Vornamen zu nennen.
Mercedes, Sie fragen mich in Ihrem Schreiben, welche Wünsche ich habe und ob ich möchte, dass Sie persönlich werden?
Das kommt ein bisschen plötzlich, muss ich ehrlich sagen. Und bezieht sich wohl leider nur auf mein Interesse an einem möglichen Verkaufsgespräch.
Ich habe mir aber angesehen, was Sie mir nahebringen möchten und stelle fest, es ist die A-Klasse.
In Tabletgröße und mit dem Hinweis „Wir verstehen uns.“. Ein schöner Gedanke und ich wünsche mir sehr, er wäre wahr.
Denn in den Fahrzeugen, liebe Mercedes, für die Sie berühmt sind, steckt so viel Aufmerksamkeit für‘s Detail, so viel Zeit und so viel technisches Verständnis.
Alles Dinge, die ich liebe und man sollte meinen, wir könnten zueinander finden. Verzeihen Sie mir, wenn nun ich etwas persönlich werde – aber da Sie das ja gern werden wollten, sind Sie sich der möglichen Gegenseitigkeit dieses Ansinnens ja sicher bewusst gewesen, als Sie mich angeschrieben haben, n‘est ce pas?

Ihr Schreiben, berühmteste aller Mercedesse, teilt mir nun mit, dass hier die A-Klasse kommt. Mit der ich sprechen kann. Die sich intuitiv bedienen lässt. Mit der ich ins Internet komme. Die sich meine Vorlieben merkt. Die also ein bisschen wie ich selber sei. – So steht es da und ich muss mich wundern. Denn all das kann ich eigentlich gar nicht! Meine Vorlieben sind mir bekannt, na gut. Aber der Rest? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die meisten anderen Menschen nicht mit sich ins Internet gehen können oder intuitiv bedienbar sind – dass sie mit sich sprechen, ja na gut, das kommt vor. Aber ist das ein gutes Werbeargument für den Kauf einer A-Klasse?
Sie merken schon: ich bin skeptisch, bei allem Wohlwollen. Was ich Ihrem Schreiben insgesamt entnehme ist die Absicht, mir Ihre Innovativität und Besonderheit nahezubringen.
Ein Wunsch, den ich habe, um zu Ihrer Frage zu kommen, sind Fahrzeuge, die so genial sind, wie Ihr Logo, der Mercedes-Stern. Einfach. Unfassbar. Gut.
Reduziert bis zum Äußersten und eben darin von einer immensen Zeitlosigkeit und Ausdruckskraft. Solche Autos bräuchten wir. Und diese zu entwickeln, wäre Innovation, die den Namen verdient. Statt dessen bieten Sie mir mit heute leider nur eine Menge gut verarbeiteten Schnickschnack an, der meine Abhängigkeit von technical devices vergrößern soll und bemerkenswerte Mengen an Energie und Rohstoffen verschlingt. Und man kann es nicht oft genug sagen: Vor allem letztere sind begrenzt. Wie hoch ist eigentlich der Anteil an recycelten Materialien in so einer A-Klasse? Wie gut kann sie nach dem Ende ihres technischen Lebens wieder in ihre Einzelteile zerlegt und wiederverwendet werden? Und wer trägt die Verantwortung dafür, dass das auch sicher passiert? Und zwar so sicher, wie die Fahrzeuge von Mercedes Benz gebaut sind?
Sehen Sie, Mercedes, das ist leider die Crux der Ingenieure: Sie drücken sich vor Verantwortung und glauben, ein Multibeam-Scheinwerfer sei schon Weitsicht genug.
Sie finden es vielleicht ein bisschen unfreundlich von mir, Sie zu kritisieren. Und wie naiv es ist! Aber wer mit „Das Beste oder nichts“ für sich wirbt, macht einen gewissen Anspruch geltend. Vor allem weil „Das Beste“ für alle ganz zweifelsfrei Technologien wären, die als verträglicher Teil unseres Heimatplaneten in seine Kreisläufe integriert sind. „Natural Voice Control“ ist da eher von nachrangiger Relevanz. Firlefanz, wenn Sie mich fragen. Mercedes, ganz ehrlich: wenn die A-Klasse tatsächlich ein bisschen so wäre, wie ich – dann wäre bei ihrer Entwicklung neben ihrer hohen Funktionalität maßgeblich, dass ihr Bau möglichst wenige Ressourcen benötigt, dass sie ein nachhaltiger Teil der Welt wird, und im täglichen Gebrauch meine Unabhängigkeit von allem und allen anderen respektiert und garantiert. (Stichwort „Informationelle Selbstbestimmung“!)

Bitte bleiben Sie bei Ihrem Werbemotto, entwickeln Sie das Beste – und denken Sie „Vernetzung“ globaler und konsequenter als nur „Ich und mein Auto “. Denn wenn Sie „Das Beste“ nicht entwickeln können, kommt hier das „Nichts“: https://www.spektrum.de/news/die-welt-wird-aermer/1555308. Sie sind ein Teil davon, Mercedes, Abteilung „Zunehmender Wohlstand“. Und die Augen verschließen weil‘s die Anderen auch tun, ist für die Beste ihrer Art eigentlich keine Option. Sie möchten ja auch in 173 Jahren noch bemerkenswerte Landschaften für Ihre Werbespots befahren können und eine Kundschaft umwerben, die keine drängenderen Probleme hat.
Es würde mich freuen, wenn wir uns verstehen, liebe Mercedes. Ihre technischen Fähigkeiten sprechen dafür!  – Modelle wie das GLC- oder GLE-Coupé (um nur die peinlichsten zu nennen) indes leider dagegen.
Ich lasse mir trotzdem Ihr Kundenmagazin zuschicken und erwarte gespannt Ihre Ideen für die Zukunft.