20 Minuten mit Gießkannen

Heiß in Deutschland, Bäume dörren. Zwei auch draußen vor dem Fenster. Grün der öffentlichen Hand, die Blätter schon arg welk. Ich mag es nicht mehr mit ansehen, fülle große Gießkannen und beginne, die Bäume nacheinander zu versorgen. Mit Gießkannen dauert es aber und so verbringe ich insgesamt rund 20 Minuten im öffentlichen Raum mit Passanten. Ein Mann um die 60 geht vorbei und kommentiert ansatzlos: „Is‘ ja schön, datt se datt machen. Aber datt kommt viel zu spät.“ Ich antworte „Sie hätten ja auch schon mal früher hier vorbeikommen und gießen können.“ Er: „Wir hoffen ja jeden Tag, aber es kommt einfach nichts runter.“
Will er mich missverstehen? Ist sein Praktikant Petrus nachlässig mit der Wettergestaltung? Er spricht mich noch zwei Mal an, bevor er mein Schweigen richtig deutet. Warum ihm das so schwerfällt, weiß ich nicht.
Ich gieße weiter, fülle die großen Kannen erneut und schleppe sie wieder nach draußen. Ich gieße langsam, damit das Wasser Zeit hat, in die trockene, harte Erde einzusickern. Außerdem müssen Ameisen und Ohrenkneifer Zeit bekommen, das Weite zu suchen. Ich wende Gehweg und Passanten den Rücken zu. Macht aber nichts, jedenfalls nicht einem weiteren Mann, bei dem sich – vermutlich – seine uralte, arg gebückt gehende Mutter untergehakt hat, die sich mit der anderen Hand an ihr Handtäschchen klammert. Das sehe ich, als ich mich umdrehe und so auf seinen Zuruf hinter meinem Rücken reagiere. „Und?“ ruft er nämlich, und der Sinn erschließt sich mir nicht, „Gibt dat noch wat?“ – „Ich verstehe nicht.“ – „Na, ob dat noch wat gibt – da, mit dem Wasser und dem Baum?“ „Keine Ahnung“ antworte ich, was zutrifft, und drehe mich wieder um. Scheinbar ist meine Reaktion nicht die richtige und so muss ich wohl auch gleich geduzt werden: „Ja, entschuldige die Frage.“ Dann gehen die beiden ein paar Meter weiter und er sagt zur Frau Mama, in meine Richtung: „Blöde Gans.“
Ich fülle die großen Kannen ein drittes Mal und wuchte sie wieder nach draußen. Lasse das Wasser langsam herausplätschern, schaue zu, wie es im Gras versickert und atme den eigenartigen Duft des verdorrten Grüns ein, den das Wasser aufbringt.
Ein älterer Herr auf seinem eBike radelt vorbei. Ich schaue kurz auf und bemerke, dass ich mit dem Rücken zur Hauswand stehe und vergessen habe, Asphalt und Passanten den Rücken zuzuwenden. Also drehe ich mich um und fokussiere wieder auf Gras und Baum. Plötzlich steht der ältere Herr mit seinem eBike neben mir. Er hat sich offenbar sogar die Mühe gemacht, umzukehren auf seinem Weg, um sein Wort an mich zu richten. „Guten Morgen, junge Frau. Das ist ja sehr löblich, dass Sie das machen. Aber das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ – „Ich habe Sie gar nicht nach Ihrer Meinung gefragt. Guten Morgen.“ – „Ach so?! Na, IHR seid ja wieder schön freundlich heute.“ – Immerhin duzt und beleidigt er mich nicht, sondern wird nur schnippisch. Ich habe trotzdem genug.
„Und ihr“, fasse ich also, an ihn gerichtet, zugleich die letzten zwanzig Minuten zusammen, „seid ja wieder schön übergriffig heute.“ Er hat seine Fahrt fortgesetzt – zurück in die Richtung, aus der er ursprünglich kam.