No Homö(opathie)!

Seit einiger Zeit branden an den deutschsprachigen Stränden des digitalen Ozeans verstärkte Wellen einer Anti-Homöpathie-Ereiferung auf, die sich dadurch auszeichnen, dass sie es an menschlichem Respekt gegenüber den Homoöpathie-Fans fehlen lässt. Diese „Kritik“ an der homöopathischen Heilkundschaft erschöpft sich neben dem fanatisch vorgebrachten „hähä, ist ja nur Zucker!“-Mantra weitgehend darin, Dummheit zu unterstellen, wo immer sich jemand voller Hoffnung fünf Globuli auf der Zunge zergehen lässt. Dass dieses Vorgehen des notorisch abwertenden Umgangs mit anderen Menschen selbst von ausgeprägter geistiger Schlichtheit zeugt, die man so gern und vollständig den Anhänger*innen der zuckerzarten Heilkunst zuschreiben möchte, entgeht den Besser-Wissenden.

Das grenzenlose wissenschaftlichen Bemühen, Menschen auf Maßzahlen und biochemische Vorgänge zu reduzieren, möchte nur Heilmittel zulassen, die auf ebendiesen Ebenen funktionieren. Vom hohen Ross herunter die Besserung der Welt auf dem Reitweg der wissenschaftlichen Erkenntnis voranzutreiben, ist zwar total in seinem Anspruch, verfehlt aber trotzdem die irrationale Natur des Menschen – gerade deswegen, eigentlich. Wie auch die Tatsache nicht zur Selbstprüfung führt, dass das irrationale, unvernünftige, unwissenschaftliche Leben und Streben des homo sapiens genau aus denselben biochemischen Vorgängen resultiert, wie der radikale Wunsch, all dem ENDLICH den Garaus zu machen.
In ihrer offensichtlichen Wirksamkeit dürfte die Methode der herablassenden Beschämung zwar etwas wirksamer sein als ein homöopathisches Mittel – allerdings wohl nur auf Symptomebene. Anhänger*innen der Homöopathie bekennen sich in Zukunft vielleicht nicht mehr so freimütig dazu – aber nur, weil sie um die Ächtung wissen, nicht etwa, weil die Vernunft überall Einzug hielte. Das ahnt die Wissenschaft natürlich und muss deshalb ständig auf der Lauer liegen, ob nicht irgendwo wieder ein Idiot mit billigem Zucker und gutem Zureden hantiert, anstatt mit richtigen Chemikalien.

Weil ich Menschen mit dünkelhaft-aggressivem Habitus nicht zuhören will (wie jeder vernünftige Mensch), war ich (im Rahmen einiger Erkältungen) mein eigenes Versuchskaninchen.
Ich, verrotzt und mies gelaunt, nahm also Globuli, verzichtete auf meinen Tee und wechselte auch noch die mentholhaltige Zahncreme, wie es die Homöopathie will. Ich genas innerhalb einer Woche – fühlte mich allerdings tagelang richtig elend, weil ich ohne meine „Starte-den-Tag“-Routinen nicht zu Rande kam. (Ich bin autistisch und brauche sie). Immerhin war ich dadurch einige Tage lang richtig daneben, und danach auch wirklich von etwas sehr Unangenehmem genesen!

Nahm ich im Erkältungsfall hingegen Globuli, trank in Ruhe Schwarztee und putzte anschließend mit mentholhaltiger Zahncreme die Zähne, alles wie immer also, plus Globuli, stellte sich die Genesung nach einer guten Woche ebenfalls ein, verlief insgesamt aber deutlich weniger stressig.

Dann nahm ich lieber gar keine Globuli mehr und wurde ebenfalls gesund.

Verlegte ich mich im Erkältungsfall auf Nasenspülungen, und ließ ansonsten alles beim Alten, genas ich sogar schneller.
Aufgrund meiner Versuchsanordnung (und noch weiteren, ähnlich gelagerten Erkrankungen und Versuchen) kam ich für mich zu dem Schluss, dass Homöopathie nicht funktioniert.

In die epistemische Quere kam mir dann die Erfahrung, dass die Beobachtungen bei kranken Kindern andere waren. Hier im Fokus: Erkältungskrankheiten und fiebrige Infekte. Das kindliche Fieber, als Gegenmittel lediglich mit entsprechenden Globuli versorgt, sank nach der Gabe fast umgehend. Nasenspülungen, bei mir inzwischen das Mittel der Wahl im Erkältungsfall, führten hingegen zu heillosen Stresssituationen, weshalb diese Therapiemethode schon im Ansatz aufgegeben werden musste. Diese Beobachtung ließ sich immer wieder machen, war also reproduzierbar – ein wissenschaftliches Kriterium für Wirksamkeit. Ausgehend von meiner eigenen Erfahrung und einem bisschen Nachdenken nahm ich an, dass es wohl weniger die Globuli selbst sind, als vielmehr die Zuwendung und Zuversicht der sorgenden Person, die dem kleinen Menschen die Gewissheit vermittelt, dass geholfen wird.
Bis zur Nicht-Nachweisbarkeit potenzierter Wirkstoff im Globuli war zudem sehr beliebt und willkommen, im Gegensatz zur real existierenden Nasendusche. Diesen Effekt kennt auch Wikipedia („Placebo“) und ich meine, er sollte mit mehr Respekt behandelt werden. Ein kleiner Behälter Globuli kostet ungefähr 10 Euro. Da sollten wirklichkeitsnah denkende Menschen, anstatt sich durch Häme aufzuwerten, besser erwägen, dass ein respekt- und verantwortungsvoller Umgang mit dem Placebo-Effekt in erheblichem Maß dazu beitragen kann, Kosten im Gesundheitswesen zu dämpfen und Menschen vor Nebenwirkungen pharmakologisch wirksamer Medikamente zu bewahren, die nicht genommen werden müssen, wo Zucker und Zuwendung heilen können.

Es stellt sich an dieser Stelle die faszinierende Frage, was Realität ist, und was Heilung bedeutet. Die Wissenschaft jedenfalls könnte sich entspannter zurücklehnen, wenn sie der Sprache zuhörte, die den Grundsatz der Homöopathie („Gleiches soll mit Gleichem geheilt werden“) auf Latein sagen kann: „similia similibus curentur“, oder, verballhornt: „Simsalabim“.
Wirkt – wenn der Illusionist gut ausgebildet ist und sich streng an seine fachlichen Regeln hält; und richtet dann auch keinen Schaden an.

Lachen Sie ruhig, liebe*r Rationalist*in, oder schütteln Sie den Kopf. Aber die Ratio ist ein dialektisches Luder und sie geht – anders als der Illusionist – mit bemerkenswert brachialer Leidenschaft zu Werke.