Dürfen die das.

Bucheinband "Szenen aus dem Herzen"

Nach vielen Jahren und großen Mühen habe ich gelernt, ein schlechtes Buch nicht zu Ende zu lesen. In frühen Lebensjahren sollte man das vielleicht ohnehin nicht tun, sondern so ziemlich alles lesen, möglichst bis zum Ende.
Mit der Erfahrung stellt sich dann die Urteilskraft ein. Und mit den Lebensjahren ist es auch die begrenzte Lebenszeit, die sich bemerkbar macht, man möchte auch gar nicht an Kafka vorbei kommen, der die Frage „Lohnt sich das Lesen?“ sehr viel schöner formuliert hat: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“.
Biographien gehören dabei ohnehin zu den Textarten, die mich persönlich am wenigsten interessieren. Oft stilisieren sie nur eine Lebensgeschichte unter Milliarden zu etwas besonders Besonderem, bedienen Selbstoptimierungsbegehren bei ihrem Publikum und verhalten sich im Lesegeist wie eine überzuckerte Praline, die nur auf den ersten Blick beglückend und interessant aussah.
Das Buch von Familie Thunberg umfasst die Familienentwicklung vom Liebespaar Thunberg/ Ernman bis zu Greta Thunbergs Entschluss, freitäglich vor dem schwedischen Parlament zu streiken, um endlich ein ernsthaftes politisches Bewusstsein für die Brisanz des menschengemachten Klimawandels zu erwirken. Sozusagen eine Familiographie, in Szenen verfasst. Das ist natürlich passend, denn die Eltern sind Opernsängerin und Theaterschauspieler, das heißt ausgebildete Bühnenarbeiter.
92 Szenen unterschiedlicher Länge haben sie erstellt und der soziale und psychologische Druck unter dem die Familiengeschichte sich entfaltete, wird durch die szenischen Abrisse sehr deutlich. Unterschiedliche Aspekte der komplexen Themenwelt, mit der sich Familie Thunberg auseinandersetzen muss – wie alle Familien in unterschiedlichen Härtegraden -, werden durch die szenische Technik zu einem gut lesbaren Ganzen verknüpft. Einer der interessantesten und wichtigsten Aspekte (neben unserer Klimakrise) wird gar nicht explizit angesprochen – ist aber ein sehr wichtiger Punkt, für den speziell Greta Thunberg selbst aufgrund ihres Asperger-Syndroms angefeindet wird: Darf so jemand es wagen, sich öffentlich derart zu zeigen, die geltenden gesellschaftlichen Regeln in Frage zu stellen, indem sie politisch wirksam handelt? Nur ein Mädchen und autistisch noch dazu!?!? Für Familie Thunberg ist das offenbar keine Frage und die grundsätzliche Wertschätzung für Mitmenschen zeigt sich in dieser Familie als festes Fundament, durch das sich enorme Möglichkeiten auftun: Jeder Mensch soll und kann in der Welt etwas beitragen. Eigentlich sollten es speziell Gretas Aggressoren zu lesen bekommen. Denn die respektvolle Haltung gegenüber den Menschen und der Welt, auf die wir zum Überleben alle angewiesen sind, geht nicht und niemals von marktfixierten Menschen aus, die noch schneller am eigenen Ast sägen, wenn es nur das größere Stück ist, das sie beim Absturz in den Händen halten. Sie geht von denen aus, die diese unsere „Erfolgsrezepte“ laut und hörbar nennen, was sie sind: schädlich für alle. Und wer wäre dafür besser geeignet als ein Teenager? Allenfalls zehntausende und mehr davon. Es steht ganz richtig im Buch: Greta ist Kind, wir sind der Kaiser. Und der Kaiser ist nackt. Verständlich, dass er das nicht hören will – aber richtig bleibt es trotzdem.
Dass Gretas Familie sie dabei unterstützt, öffentlich wirksam zu sein, wird den Eltern oft als unredliches Motiv („Das Kind wird benutzt“) unterstellt. Zur schwedischen Kultur gehört allerdings eine Besonderheit, die andernorts weitgehend unbekannt ist und deshalb vermutlich nicht gedacht werden kann: ein Kind gilt als eigenständiges Individuum mit eigenen Rechten – nicht als kleinster, passiver Teil einer Familieneinheit, die nach außen allein von den Eltern vertreten wird. (Nachzulesen in Berggren/ Trägårdh: „Ist der Schwede ein Mensch?“, btb 2016.) Das ist ein wichtiger Unterschied.

Um auf meine Einleitung zurückzukommen: Ich habe dieses Buch zu Ende gelesen. In vier Stunden. Es ist keine überzuckerte Praline für den Geist, keine Selbstbeweihräucherung der Familie Thunberg und ihres Weges zum Klimaaktivismus. Es entfaltet wichtige Perspektiven, zeigt vernachlässigte gesellschaftliche Zusammenhänge auf und zeigt mit Realismus und Ehrlichkeit, dass mentale Rettungsversuche wie zum Beispiel die beliebten „Sorgenfrei mit Zen“-Bücher „für ein besseres Leben“ zu gar keinem besseren Leben führen können. Man muss auch nicht angstfrei sein, man muss Mensch sein. Und Machen. Jetzt.

Svante Thunberg [u.a.]: Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima. S. Fischer-Verlag, 2019.
ISBN 978-3-10-397480-5 ; 18.00€