„Der viktorianische Vibrator“

Eigentlich hatte Frank Patalong mit diesem Buch vermutlich vor, die blinde Fortschrittsgläubigkeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts humorvoll auf’s Korn zu nehmen. Es ist auch nett, sich diesen Titel in der Buchhandlung statt im Internet zu bestellen: Der direkte Augenkontakt bei „Bitte bestellen Sie mir den viktorianischen Vibrator“ bietet ja Anlass zu allerlei anzüglichen Schelmereien.

Das Buch selbst ist absolut lesenswert für Freunde des Fortschritts – und als solcher muss sich im Grunde jeder bezeichnen, der einen Fön sein Eigen nennt.

Patalong hat eine Fülle an Information aus verschiedenen Bereichen zusammengetragen: Experimente der Elektrifizierung. Die Geschichte des Telefons (die schon sehr früh mit Musik-Abonnements aka „Downloads“ verbunden war –„iTunes“ ist demnach im Grunde old school). Das Automobil (zunächst „Lokomobil“). Die geplante Trockenlegung der Nordsee um 1930 – nach amerikanischen Quellen eine Idee der Briten, nach britischen Berichten eine infame Idee deutscher Ingenieure. (Aktuell kippt Großbritannien vermutlich vorsichtshalber Wasser nach).

Aber es werden nicht nur die ganz großen Räder gedreht in diesem Buch – wie es der Titel schon sagt, machen manchmal die kleineren Apparate die größeren Freuden: eindrucksvoll bringt Patalong ans Energiesparlicht, dass die meisten Erfindungen, die später das Leben bereichern (und ihren Entdeckern nicht selten zerstörte Existenzen bescherten) bloßer Experimentierfreude und völlig unreglementiertem Spieltrieb zu verdanken sind. Mann kann es vielleicht so sagen: wo Normen bereits den Rahmen des Möglichen definieren, ist Innovation nicht möglich. Und es ist ein Charakteristikum des Neuen, dass es Risiken mit sich bringt.

Umfangreich und sehr sorgfältig illustriert lässt sich der Entdeckergeist bestaunen, der mit zunehmendem technischen Geschick immer auch neue Abgründe an Grausamkeit zutage fördert – ganz aus Versehen. Technik kann leider nicht empathisch sein und wer all ihre Möglichkeiten nutzen will, demonstriert stolz seine Defizite im Bereich „Einfühlungsvermögen“.

Die Skurrilität, die Patalong hier so humorvoll an Beispielen der Vergangenheit demonstriert, die Unbedarftheit, die heute so viele als „vergangen – wir sind aufgeklärt“ abstempeln möchten – sie greift tatsächlich bis ins Heute: Das erbarmungslose Heilsversprechen des Fortschritts, das all dem technischen Tun und Treiben vorausgeschickt wird, ist nach wie vor nicht kritisierbar. Und die merkwürdige Unfähigkeit der Gegenwart, sich als Resultat und Auswirkung der Vergangenheit zu begreifen (von der sie eben nicht getrennt ist) lässt sich gut ablesen, wenn man die Werbebotschaften vergangener Zeiten mit dem vergleicht, was sich heute so auf medialen Plattformen tummelt: Posen, Motive und Botschaften sind dieselben – in diesem Bereich gibt es tatsächlich keine Evolution. Herrn Patalong ist ein spannendes kleines Buch geglückt, dessen Fülle sich ganz nebenbei und unter großem Lesevergnügen erschließt.

 

Patalong, Frank:
Der viktorianische Vibrator – Tödliche bis törichte Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik.
Köln: Bastei Lübbe, 2012
ISBN 978-3-404-60722-8
EUR 9,99