Blaulicht-Junkies

von Anne Nuhn

Heilig ist schon lange nichts mehr. Nein, heute gaffen sie nicht mehr ehrfürchtig mit offenem, staunendem Mund auf die Glotze, das Flimmern hypnotisiert sie kaum noch, reicht nicht mehr aus zur Betäubung. Wie alles, nutzt sich auch der Wohnzimmergötze ab. Langeweile breitet sich über den Alltagsskandalen aus, die durch die Röhre ins Private geschüttet werden. Man ist immun gegen den Rausch des Tabubruchs. Selbst die Fließband-Neuheiten häufen sich zum Einheitsbrei, der die Konsumpaläste überschwemmt. Alles muss raus. Die Industrie überschlägt sich im Sonderangebots-Parcours und hat mehr als nur einen Sprung in der Platte. In der Agentur für Innovationen und Produktdesign werden die Menschen verheizt, Burn-out-Briketts purzeln auf den Arbeitsmarkt. Was gibt’s Neues? Egal was, mit dem Kauf ist es nichts mehr wert, designt für die Endlichkeit, darauf kannst du dich verlassen. Hauptsache das Geschäft läuft und läuft und läuft und läuft.

 

An jeder Straßenecke kannst du es jetzt kaufen, das kleine oder große Glück, ganz legal und jugendfrei. Und das Update gibt’s vom Dealer – wireless. Die Kinder am Bahnhof, Zoo, im Bus, in der Schule, im Park – ach tatsächlich, im Park gibt’s sie auch noch – sie sprechen nicht, sie laufen nicht, sie stehen herum, starren allein oder in Gruppen auf das blaue Licht in ihrer Hand. Das Zeitalter des Lichts hat begonnen, ja, aber die Erkenntnis ist auf der Strecke geblieben. Der neue Baal, der laut Vertrag spätestens in zwei Jahren ein neues Gesicht bekommt, damit man sich nicht sattsieht, der kommt nicht vom Mars, der kommt von Saturn. Konsum ist geil. Immer schön bei Laune halten. Wischen, tippen, zeigen, was man alles gepostet hat. Im Unterricht, beim Arzt, beim Abendessen, im Bett, es zuckt die Hand nach dem Magnet, nur noch einmal draufschauen, nur noch einmal das flackernde Blaulicht sehen, eben die App des Tages, eben das Wetter, eben das Spiel, eben die SMS, eben, eben, eben. Eben drum.

 

Wir produzieren Nachfolger und keine Vorreiter und der Stoff geht uns langsam aus.

 

„Wie?“ Einer nimmt den Stöpsel aus dem Ohr.

 

Ach, nicht so wichtig.